Samstag, 23. März 2019

Kanazawa Tage 2 & 3 - Shirakawa-go - Takayama

Uns erwarteten nun zwei weitere Tage in Kanazawa, obgleich wir am ersten Morgen bemerkten, dass wir eigentlich nur noch Programm für einen Tag im Petto hatten. Wir machten uns aber nichts weiter daraus, denn nach den doch recht anstrengenden Tagen in Kyoto würde uns zumindest ein ganzer Tag zum Ausschlafen und Entspannen guttun.
Kanazawa punktet im Vergleich zu Kyoto nicht unbedingt mit besonderen Sehenswürdigkeiten, kann dafür aber mit ein paar netten kleinen Vierteln aufwarten, die sich von unserer Unterkunft aus gut zu Fuß erkunden ließen. Die Temperaturen waren heute trotz starkem Wind mit teilweise fast 20 Grad ungewöhnlich hoch. Als erstes Ziel setzten wir uns den Omi-cho Markt, der nur wenige Minuten entfernt lag. Dort hofften wir wieder auf unsere Sushi-Kosten zu kommen. Da wir uns auch heute recht großzügig ausgeschlafen hatte und sehr gemütlich nach einem Kaffee in einem Café um die Ecke in den Tag gestartet waren, trafen wir erst gegen Mittag auf dem Markt ein, wo sich bereits vor jedem Lokal Menschenschlangen versammelt hatten. So konnten wir uns lediglich durch das Durcheinander an Fischhändlern, Käufern und Restaurants bewegen, ohne selbst etwas Essbares abzugreifen. Der Markt ist durchaus nett und sehenswert, kann aber nicht ganz mit jenen, die wir in Tokio und Osaka besucht hatten, mithalten. Hier verhielt es sich jedenfalls ähnlich, wie am Vortag beim Kenroku-en-Garten, als dort auch wie aus dem Nichts Menschenmassen auftauchten, obwohl es in der Stadt selbst recht überschaubar zuging. 
Omi-cho Markt
Da die Essensfrage noch nicht beantwortet war, suchten wir uns ein kleines Restaurant ein paar Straßen weiter aus, wo wir sofort wieder allein waren, und dennoch ein sehr gutes Fischmenü im klassisch japanischen Stil verdrückten.
Da wir uns nun keine Gedanken mehr über unseren Hunger machten mussten, konnten wir entspannt das erste interessante Viertel, den Nagamachi-Bezirk, aufsuchen. Auf dem Weg dorthin kamen wir mehr oder weniger zufällig am hübschen Oyama-Schrein vorbei, der vor allem mit seinem netten kleinen Garten und einem Teich bestechen konnte. 
Oyama-Schrein

Oyama-Schrein Garten
Den Nagamachi-Bezirk erreichten wir daraufhin nach gut 20 Gehminuten. In diesem hübschen, gut erhaltenen Bezirk, der von zwei Kanälen begrenzt wird, wohnten einst zahlreiche Samurai. Der Bezirk ist zwar nicht groß, dennoch versprüht er mit seinen Lehmwänden und Ziegeldächern einen ganz eigenen Charme. 
Nagamachi-Bezirk
Nachdem wir diesen Bezirk durchschritten hatten, überquerten wir den Fluss Asano-gawa. Auf der Brücke taten sich ein erster schöner Blick auf die japanischen Alpen und ihre Dreitausender auf. Unmittelbar nördlich des Asano-gawa erstreckt sich Higashi-chaya-gai (Higashi-Geishabezirk), ein abgeschlossenes Viertel mit schmalen Straßen, das im frühen 19. Jahrhundert entstand. Die netten Lattenfassaden der Geishahäuser sind immer noch gut erhalten und erwecken romantische Vorstellungen von der damaligen Zeit. 
Higashi-chaya-gai
Nur ein paar Straßen weiter gelangten wir zu unserem letzten Besichtigungsziel des Tages, dem Teramachi-Bezirk. Das hügelige Viertel ist Standort Dutzender, wenn auch zum Großteil nicht allzu spektakulärer Tempel, vor allem, wenn man diesbezüglich verwöhnt aus Kyoto kommt. Heraus sticht der buddhistische Tempel Myoryu-jo (auch bekannt als Ninja-dera), der von außen schon nett anmutete, dessen Inneres aber besonders spannend sein soll. Davon konnten wir uns allerdings nicht selbst überzeugen, weil man, um ihn betreten zu können, eine Anmeldung benötigt und ihn nur im Rahmen einer Führung besichtigen kann. Wir ärgerten uns nicht weiter darüber, denn Tempel und Schreine kannten wir inzwischen ohnehin schon wie unser eigenes Wohnzimmer. 
Tempel Myoryu-jo
Also spazierten wir noch ein wenig die hübschen und verlassenen Straßen des Viertels entlang, ehe wir beschlossen, den mehrere Kilometer langen Rückweg anzutreten.
Wir visierten aber noch nicht direkt unsere Unterkunft an, sondern den Bahnhof, wo wir uns noch unsere Bustickets für die Fahrt nach Shirakawa-go in zwei Tagen sicherten. Da fassten wir auch kurzerhand den Entschluss, uns gleich wieder einen Tisch beim Italiener zu reservieren, bei dem wir schon gestern mit großer Freude Pizzen verschlungen hatten. Die etwa zwei Stunden, die uns vor dem Essen noch blieben, verbrachten wir ruhend und duschend in der Unterkunft. Beim Italiener bestellten wir natürlich Pizza, die wieder so köstlich war, dass wir nicht anders konnten, als auch gleich für unseren morgigen letzten Abend in Kanazawa einen Tisch zu reservieren.
Am nächsten Tag gelang uns beinahe ein Negativrekord an getanen Schritten, der nur von unserem Hangover-Day in Osaka unterboten wurde. Im Grunde verließen wir die Unterkunft nur aus Nahrungssuchegründen. Am späteren Vormittag schleppten wir uns wieder zum Omi-cho-Markt, in der Hoffnung, heute etwas früher einen Platz in einem Sushi-Restaurant zu bekommen. Und der Plan sollte aufgehen, es herrschte zwar auch an diesem Tag reges Treiben auf dem Markt, doch die Restaurants waren aufgrund der noch frühen Uhrzeit recht spärlich belegt. So konnten wir nun endlich wieder unser Verlangen nach Sushi in Form von unverschämt köstlichem Thunfisch-Sashimi befriedigen.

Den Nachmittag nutzten wir nur noch zum Entspannen und zur weiteren Detailplanung unserer Reise, die gerade innerhalb der Alpen etwas Feinabstimmung erfordert, da wir dort nicht allzu viel Zeit eingeplant haben, weshalb An- und Weiterreisezeiten nicht unwesentlich sind. Am Abend ging es zu unserer erneuten Freude wieder zum Italiener, bei dem wir unsere Pizza-Trias komplettierten. Nun sollten wir für den Rest der Reise genug davon haben … möglicherweise …
Am nächsten Morgen mussten wir uns recht zeitig von unserem netten Wohnhaus, das wir inzwischen schon liebgewonnen hatten, verabschieden, denn kurz nach 8 Uhr ging bereits unser Bus in die abgeschiedene Bergregion Shirakawa-go zwischen Kanazawa und Takayama, unserem heutigen letzten Ziel. Da nicht nur die Züge in Japan auf die Sekunde pünktlich sind, rollten wir exakt um 8:10 los. Die etwa eineinhalbstündige Fahrt verlief wie immer reibungslos und hier und da taten sich bereit erste nette Bergpanoramen auf. Einzig die Sonne wollte noch nicht durch die dichte Wolkenschicht dringen. Shirakawa-go planten wir auf unserem Weg nach Takayama als Zwischenstopp ein, da man hier viele Bauernhöfe im berühmten Gassho-zukuri-Stil findet, so benannt nach der A-förmigen Bauweise der Strohdächer. Dort angekommen erfreuten wir uns zuerst am geringen Touristenaufkommen, wo doch in allen Reiseführern angemerkt wurde, dass man hier auf besonders viele stoßen würde. Fast alle Sehenswürdigkeiten von Shirakawa-go liegen in der Gemeinde Ogimachi. Hier findet sich die größte Ansammlung an Gassho-zukuri-Bauten. Das 600 Einwohner starke, an einem Fluss liegende Dorf ist schnell durchschritten und bietet neben den stimmungsvollen Gebäuden auch ein rundum beeindruckendes Alpenpanorama. Auf der anderen Flussseite gibt es ein recht weitläufiges Freilichtmuseum, in dem man originale Gassho-zukuri aus der Nähe betrachten und auch betreten kann. Da alle Häuser hierher verpflanzt wurden, weil einige Dörfer in den 60er-Jahren zu überfluten drohten, wirkt die Anordnung jedoch leider etwas künstlich. Dennoch hatte sich der Besuch und der kleine Spaziergang hier zweifellos ausgezahlt, auch weil die Häuser irgendwie eine angenehme Ruhe ausstrahlten. 
Shirakawa-go 1

Shirakawa-go 2
Diese Ruhe hatte jedoch nach Verlassen des Freilichtmuseums ein Ende, denn offenbar waren wir einfach vor den großen Reisebussen hier angekommen. Inzwischen drängten sich Hunderte Menschen durch den Hauptteil des Dorfes, durch den wir kurz zuvor noch fast allein gegangen waren. Wir waren jedenfalls froh, den Großteil hier noch in relativer Ruhe besichtigt zu haben. Da uns noch etwas Zeit blieb, ehe wir in unseren Bus nach Takayama steigen mussten, stiegen wir noch auf eine Anhöhe, auf der es einen Aussichtspunkt gibt, von dem aus man einen tollen Blick über das Tal und das Dorf hat. Nach einer kurzen Rast und den Ausblick genießend, machten wir uns wieder auf den Weg hinunter zum Busbahnhof. Die Weiterfahrt nach Takayama, wo wir eine Nacht verbringen werden, dauerte nur eine knappe Stunde.
Takayama wartet angeblich mit einer der stimmungsvollsten Stadtlandschaften Japans auf. Bevor wir uns jedoch davon selbst überzeugten, brachten wir noch schnell unser Gepäck ins Hotel und suchten uns was zu essen, da inzwischen schon der frühe Nachmittag angebrochen war und wir bisher bis auf ein paar langweilige Snacks nichts gegessen hatten. Die Sonne hatte sich inzwischen zwar gegen die Wolken durchgesetzt, die Temperaturen waren jedoch gerade einmal knapp über dem Gefrierpunkt und der Wind trug das Seinige dazu bei, dass hier geradezu Winterstimmung herrschte. Um uns ein wenig von innen zu wärmen, aßen wir günstig eine große Portion schmackhafte Ramen. Mit neugewonnener Kraft und Wärme spazierten wir weiter zum Fluss Miya-gawa, den wir nach ein paar Minuten erreichten. Einmal auf der anderen Flussseite angekommen, befanden wir uns im wunderbaren Sanmachi-suji-Bezirk voller Sake-Brauereien, Cafés, Geschäfte und gut erhaltenen Furui Machinami (alter Privathäuser). 
Sanmachi-suji-Bezirk
Wir genossen hier ein wenig das nette Ambiente und spazierten ein wenig den Fluss entlang, bevor wir uns um 15 Uhr noch schnell zum Hotel begaben, um in unsere Zimmer einzuchecken und uns kurz frisch zu machen.
Danach begaben wir uns wieder in Richtung Sanmachi-suji, statten auf dem Weg aber noch dem Takayama-jinja einen Besuch ab. Das weitläufige Gelände südlich von Sanmachi-suji ist das einzige verbleibende Präfekturbauwerk aus der Zeit des Tokuwaga-Shoguns. Heute kann man hier unter anderem dessen Reisspeicher, Garten und Folterkammer besichtigen. Darüber hinaus kann man hier auch einige Waffen, Schriftstücke und Handwerkswaren aus der damaligen Zeit begutachten.
Takayama-jinja
Ein durchaus netter Rundgang, dachten wir uns, doch der strahlende Sonnenschein, von dem wir in den letzten Tagen nicht so viel abbekommen hatten, verlieh unseren Schritten ungeahnte Geschwindigkeit, weshalb wir das Ganze doch eher im Schnelldurchlauf abhandelten. Aus diesem Grund befand sich unser letzter Besichtigungspunkt des Tages auch unter freiem Himmel. Wir überquerten abermals den Miya-gawa in Sanmachi-suji und begaben uns dort in den wunderbar grünen Shiroyama-koen. Mehrere Pfade führen hier durch den Park und den Hügel hinauf zu den Ruinen der Burg Takayama-jo. Wobei Ruinen hier übertrieben ist, da hier eigentlich nur noch eine Gedenktafel steht, wo früher die Burg emporragte. Auf dem Weg hinauf kommt man wiederum an etlichen netten Tempeln und Schreinen vorbei. Ausblicke auf die umliegenden Berge kann man leider nur selten erhaschen, da meistens dichter Wald die Sicht versperrt. Hier und da gab es aber doch ein Plätzchen, von dem aus wir die schneebedeckten Gipfel der imposanten Berge sowie das Stadtpanorama Takayamas genießen konnten. Als sich die Sonne hinter den Bergen verabschiedete wurde es bitterkalt, weshalb wir sogleich mit dem Abstieg zurück in die Stadt begannen.
Blick vom Shiroyama-koen 1

Blick vom Shiroyama-koen 2
Zum Abschluss des Tages belohnten wir uns für die vielen zurückgelegten Meter mit einem hervorragenden Steak vom lokalen Hida-Rind, ein kleiner Vorgeschmack auf das noch in Tokio geplante Kobe-Steak … Morgen geht es dann wieder mit dem Bus weiter nach Matusmoto, wo wir wiederum nur eine Nacht verbringen werden, ehe wir bei einem der großen Reiseziele ankommen: dem Fujiyama.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Japan ist das Land der Schreine und das liegt unter anderem auch daran, dass die Japaner sehr abergläubisch sind. So sollte man sich beispielsweise nie nachts die Nägel schneiden, da zu dieser Tageszeit die bösen Geister unterwegs sind und beim Nägelschneiden am Körper quasi kleine Öffnungen entstehen, durch die sie dann in den Körper hineinschlüpfen können. Außerdem sollte man nachts auch nicht Pfeifen. Schließlich haben sich so früher Diebe und Einbrecher verständigt und wer nach Einbruch der Dunkelheit pfeift, ruft sie herbei.
  • Und wo wir gerade beim Glauben sind: Jesus Christus liegt laut den Japanern auch in Japan begraben. Jesus ist im Alter von 21 Jahren nach Japan gegangen, um dort den Shinto-Glauben zu studieren, und ist erst zwölf Jahre später wieder nach Judäa zurückgekehrt, wo er predigte und schließlich auch gekreuzigt wurde. Doch was bei uns kaum einer weiß, ist, dass der Bruder von Jesus, Isukiri, kurz vor der Kreuzigung dessen Platz einnahm. Jesus selbst kehrte nach Japan zurück, wurde Reisbauer, gründete eine Familie und starb im Alter von 106 Jahren.
  • Da wir in letzter Zeit ständig unterwegs waren, mussten wir uns immer mit unseren schweren Koffern herumschlagen. Die meisten Japaner würden das jedoch nicht tun, schließlich gibt es ja den Takkyubin, der das Gepäck für einen zum nächsten Bahnhof bringt. Takkyubin ist der Name eines japanischen Kurierdienstes, der mittlerweile als Synonym für alle Zustelldienste des Landes herangezogen wird. Diese sind relativ billig und, was noch viel wichtiger ist, immer pünktlich. Außerdem kann man mit ihnen auch kleine Pakete verschicken und braucht sich nie Sorgen um deren Inhalte zu machen. Die Paketzusteller sind so vorsichtig, dass man sogar dünnwandige Vasen bedenkenlos verschicken kann.

Mittwoch, 20. März 2019

Kyoto - Nara - Kyoto & Kyoto - Kanazawa Tag 1

Ein voller Tag blieb uns nun noch im Raum Kyoto, und da wir die von uns ausgewählten Ziele in der Stadt bereits besichtigt hatten (für alles bräuchte man hier wohl ein Jahr oder länger), fuhren wir heute mit dem Zug in die ca. eine Stunde entfernte Stadt Nara, Japans erste dauerhafte Hauptstadt. Sie zählt aufgrund ihrer insgesamt acht Welterbestätten der Unesco zu den interessantesten Reisezielen des Landes.
Leider war das Wetter heute nicht allzu berauschend, wolkenverhangenes Grau in Grau. Dennoch war es unsere letzte Chance, nach Nara zu kommen, also gab es keinen Plan B. Mit dem Zug vom Bahnhof Kyoto erreichten wir Nara nach einer Stunde, wo es rechtzeitig zu unserer Ankunft recht stark zu regnen begann. Also suchten wir erstmal Unterschlupf beim örtlichen Starbucks und versuchten bei einem Kaffee, den ärgsten Regen auszusitzen. Als wir uns nach einer guten halben Stunde entschlossen, in Richtung des Parks Nara-koen aufzubrechen, in dem sich die meisten Attraktionen befinden und der sich für gemütliche Spaziergänge inmitten von Natur und zahmer Rehe eignet, ließ der Regen tatsächlich etwas nach. Nach etwa 15 Minuten erreichten wir den Kofuku-ji, den Tempel, der sozusagen das Eingangstor zum Nara-koen bildet. Besonders erwähnenswert sind seine zwei Pagoden, von denen eine die zweithöchste Japans ist. 
Kofuku-ji

Zweithöchste Pagode Japans
Ab diesem Zeitpunkt waren Heerscharen von Touristen und Rehe unsere ständigen Begleiter, wobei Letztere irgendwie netter sind. Nach dem Kofuku-ji peilten wir den in den Reiseführern angepriesenen Isui-en-Garten an. Bei unserer Ankunft mussten wir jedoch leider feststellen, dass der Garten genau jeden Dienstag geschlossen ist; ein kleingedrucktes Detail, das wir im Reiseführer leider überlesen hatten. Als Entschädigung war zumindest der Nachbargarten Yoshiki-in geöffnet und sogar gratis. Zu unserer Freude war dieser Garten auch kaum besucht, konnte aber durchaus mit den schöneren Gärten, die wir bisher gesehen hatten, mithalten. Auf der Anlage steht ein bezauberndes kleines Landhaus samt Strohdach, es gibt den obligatorischen Teich und mehrere Spazierwege. Hier und da kann man von einer erhöhten Stelle aus sogar einen Blick auf den benachbarten Isui-en-Garten erhaschen. Da uns der Yoshiki-in aber wirklich gut gefiel, ärgerten wir uns nicht weiter, dass wir nur ihn besuchen konnten. 
Yoshiki-in
Reh mit Torii im Hintergrund
Der Regen hatte sich indes auch verflüchtigt, weshalb wir unseren Weg gut gelaunt zur Hauptattraktion Naras fortsetzten: dem Todai-ji. In der Daibutsu-den, der gewaltigen Haupthalle der Anlage, steht (oder besser gesagt, „sitzt“) einer der Hauptgründe für die hier wuselnden Menschenmassen, der berühmte Daibutsu (Großer Buddha). Die Daibutsu-den ist das größte Holzgebäude der Welt, was auch notwendig ist, sonst hätte die furchteinflößende, 15 Meter hohe Buddha-Statue aus Bronze keinen Platz. In der Halle, in deren Mitte der Daibutsu thront, stehen ringsum noch weitere imposante Statuen von wichtigen Glaubensgestalten. Von allen Tempeln und Schreinen, in denen wir bisher waren, ist dieser mit Abstand der ehrfurchtgebietendste. Nur schwer kann man seinen Blick von der Buddha-Statue abwenden, die 746 gegossen und im Laufe der Zeit wiederholt durch Erdbeben und Feuer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er verlor sogar einige Male seinen Kopf, weshalb Kopf und Körper sich auch farblich unterscheiden.
Daibutsu-den

Daibutsu (Großer Buddha)
Den restlichen Nachmittag spazierten wir noch zu anderen interessanten Tempeln des Nara-koen, wobei sie einen nach einem Besuch des Todai-ji und der Daibutsu-den und einigen Tagen Kyoto nicht mehr vom Hocker hauen können. Zumindest war das bei uns so. Hervorzuheben ist vielleicht noch der Kasuga Taisha, der sich am Fuße eines Hügels inmitten eines Waldes befindet. Hunderte Laternen säumen die Pfade, und viele Hunderte mehr schmücken den Schrein selbst. 
Kasuga Taisha
Glücklicherweise blieben wir den restlichen Nachmittag vom Regen verschont und konnten trocken aus dem schönen Nara-koen herausspazieren, um uns vor unserer Rückfahrt nach Kyoto noch ein Essen in der Nähe des Bahnhofs einzuwerfen. Gesättigt und doch etwas müde von der großen Runde durch den Park stiegen wir in den Zug.
Im Hotel in Kyoto planten wir die nächsten Tage noch etwas genauer, für weitere abendliche oder nächtliche Erkundungstouren waren wir definitiv zu geschlaucht.
Am nächsten Tag konnten wir uns ausgiebig ausschlafen, bevor wir am späten Vormittag aus unserem Hotel auscheckten und uns zum Bahnhof aufmachten, wo wir nach einem köstlichen McDonald’s-Imbiss in unseren Zug nach Kanazawa stiegen. Wir waren beinahe etwas froh, unsere Zelte wieder abzubrechen und in einen anderen Teil Japans aufzubrechen. Kyoto hatte uns zwar außerordentlich gut gefallen, dennoch bekamen wir schon leichten Lagerkoller und hofften auch, in Kanazawa, das mit seinen 465.000 Einwohnern ja fast schon Kleinstadtcharakter in Japan hat, den Touristenarmeen etwas entfliehen zu können. Kyoto verabschiedete uns jedenfalls mit strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen.  Die Fahrt nach Kanazawa dauerte knapp über zwei Stunden und wurde leider mit keinem Shinkansen durchgeführt. Da hatten wir die erschreckende Erkenntnis, dass wir auf unserer Reise keine Shinkansen-Fahrt mehr haben werden. Denn ab Kanazawa geht es bis nach Tokio über mehrere Stationen nur noch mit dem Bus weiter.
Am Bahnhof waren wir schon erfreut, hier nur Hunderte Menschen vorzufinden, anstatt die Abertausenden auf dem Bahnhof in Kyoto. In Kanazawa hatten wir zur Abwechslung mal kein Hotel, sondern eine kleine japanische Wohnung gemietet, die sich nur einige Gehminuten vom Bahnhof in einer netten Nebenstraße befindet. Dort angekommen wurden wir gleich vom netten jungen Vermieter in Empfang genommen, der uns im Zuge etlicher Verbeugungen alles zeigte und erklärte. Da die Sonne immer noch vom Himmel lachte und wir noch einige Stunden Licht hatten, machten wir uns nur kurz frisch und gingen gleich weiter zum unweit gelegenen Burgpark Kanazawa, hinter dem sich unser eigentliches Hauptziel des heutigen Tages, der Kenroku-en-Garten, befindet. Der Weg zum Burgpark durch die hübschen und einladenden Straßen der Stadt war eine willkommene Oase der Stille. Auch im weitläufigen Park der interessanten Burg findet man noch Ruhe, erst beim Kenroku-en selbst, der als einer der schönsten Gärten Japans gilt, muss man sich wieder unter die Massen mischen, die hier irgendwie aus dem Nichts erschienen waren, als hätten sie bereits die ganze Zeit über dort auf uns gewartet. Der Garten wurde in der Edo-Zeit angelegt und sein Name (kenroku heißt „kombinierte Sechs“) geht auf einen berühmten chinesischen Garten der Sung-Dynastie zurück, der sechs Attribute festlegte, um als perfekt gelten zu können: Abgeschiedenheit, Weite, künstlerische Gestaltung, lange Geschichte, reichlich Wasser und eine ungehinderte Aussicht. Und all das findet man im Kenroku-en tatsächlich. Wenn man durch dieses kleine Paradies spaziert, blendet man schnell alles um sich herum aus und genießt es einfach nur, hier zu sein. Darüber hinaus gibt es einen Pflaumenhain, in dem sich ein blühender Baum an den anderen reiht. Welchen Garten wir am Ende unserer Reise zu unserem persönlichen Favoriten ernennen werden, bleibt zwar noch offen, der Kenroku-en ist aber definitiv ein ernstzunehmender Kandidat!
Kenroku-en 1

Kenroku-en 2

Kenroku-en 3

Kenroku-en 4
Auf unserem Rückweg spazierten wir noch einmal durch den innerhalb der Burgmauern gelegen Teil des Burgparks, in dem sich ebenfalls noch ein kleiner recht netter Garten versteckt, über den man die Anlage verlassen kann. 
Gyokusen'inmaru Garten
Da wir bis auf diverse McDonald’s-Burger noch nichts im Magen hatten, war es an der Zeit, ein Restaurant für unser Abendessen auszuwählen. Kanazawa liegt am Meer und ist auch gerade deshalb für sein hervorragendes Sushi bekannt. Wir wählten ein im Internet sehr gut bewertetes Lokal in unserer Nähe aus, in dem wir aber leider keinen Platz mehr bekamen. So beschlossen wir kurzerhand, am nächsten Tag auf dem Fischmarkt unser Sushi-Glück zu versuchen und heute jeglichem japanischen Essen abzusagen und unseren italienischen Nachbarn mit dem Verzehr einer Steinofenpizza zu huldigen. Und das bereuten wir keineswegs, erstens bekamen wir noch einen Platz und zweitens schmeckte die Pizza vorzüglich und würde selbst in Italien positiv herausstechen. Egal, was die Japaner zubereiten, sie erreichen fast immer Perfektion.
Nach diesem köstlichen Mahl zogen wir uns in unsere Wohnung zurück, in der wir es uns den restlichen Abend gemütlich machten und uns ein wenig das Programm für den morgigen Tag in Kanazawa überlegten.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Japan hat ein großes Problem mit der Überalterung der Bevölkerung – durch die niedrige Geburtenrate von 1,3 steuert das Land direkt auf eine Seniorengesellschaft zu. Jeder dritte Japaner ist über 65 und bis 2025 soll das Durchschnittsalter bei 50 Jahren liegen. So verkauft der größte Windelhersteller des Landes bereits heute mehr Inkontinenz- als Babywindeln.
  • Während Japan immer älter wird, steigt auch die Zahl der Haustiere. So sind in Japan mehr Katzen und Hunde behördlich angemeldet als Kinder unter 15 Jahren. Da ist es auch nur logisch, dass es in den Supermärkten ein größeres Sortiment an Tiernahrung als Babynahrung gibt.
  • Und wo wir gerade beim Thema Kinder sind: Traditionell spielen Geburtstage in Japan eigentlich keine Rolle. Wenn am 1. Jänner das neue Jahr beginnt, werden alle kollektiv ein Jahr älter – der genaue Tag der Geburt ist also irrelevant, nur das Geburtsjahr ist von Bedeutung. Mittlerweile bekommen Kinder an ihren Geburtstage jedoch meist eine Kleinigkeit.
  • Japan gilt als eines der sichersten Länder der Welt – und das völlig zu recht. So gibt es in Japan jährlich ungefähr an die 1.000 Gewaltverbrechen. Im Vergleich dazu ist die Selbstmordrate mit ungefähr 30.000 Selbstmorden pro Jahr geradezu bedenklich hoch.

Montag, 18. März 2019

Kyoto Tag 3 & 4

An unserem dritten Tag in Kyoto wurden wir erstmal von Regen begrüßt. Dennoch rafften wir uns auf und verließen gegen 8 Uhr unser Hotel. Heute hatten wir uns ob des Wetters und um nicht die Lust am Besichtigen zu verlieren, kein allzu dichtes Programm vorgenommen. Mit der U-Bahn ging es als Erstes zur großen Burg Nijo-ji, bei der wir gerade rechtzeitig zur morgendlichen Öffnungszeit eintrafen. Ihre imposanten Burgmauern und Wallanlagen führen einem die ganze Militärmacht der damaligen Shogune, der großen Kriegsherren Japans, vor Augen. Hinter den Mauern versteckt sich ein prunkvoller Palast, der von schönen Gärten umgeben ist. Wir durchschritten den eindrucksvollen Palast mit seinen schön bemalten Räumen, in denen hier und da auch mit Figuren Szenen aus der damaligen Zeit nachgestellt wurden. Leider war der Regen inzwischen wieder stärker geworden und darüber hinaus waren große Teile der Anlage aufgrund von Renovierungsarbeiten abgesperrt oder verhüllt. So war unser Besuch dieser an sich zweifellos spektakulären Gärten ein eher nasses als berauschendes Erlebnis.
Tonan Sumi Yagura (Wachturm) 
Ninomaru Goten Palast

Ninomaru Goten Palastgarten bei Regen

Nach einem kurzen Kaffeestopp kämpften wir uns durch den anhaltenden Regen weiter zum ausgedehnten Kaiserlichen Palastpark, der nur gute 15 Minuten von der Nijo-ji entfernt ist. Da Gosho (Kaiserpalast) selbst im Vergleich zu anderen Burgen und Attraktionen weniger spektakulär sein soll und ein Besuch ohnehin nur nach Anmeldung möglich ist, beschlossen wir, nur den Park zu durchschreiten. Als wir beim Park ankamen, hatte der Regen etwas nachgelassen und wir wurden sogar mit einigen blühenden Kirsch- und Pflaumenbäumen belohnt. In dieser grünen Lunge Kyotos wechseln sich offene Flächen mit einer großen Vielfalt an in unserem Fall zum Glück blühenden Bäumen ab.
Blühende Bäume im Kyoto Gyoen (Imperialpalast Park)
Als wir unsere Parkdurchquerung beendet hatten, gönnten wir uns am Nordende ein Taxi, mit dem wir uns zum etwas weiter entfernten Daitoku-ji führen ließen. Dort angekommen hatte der Regen wiedereingesetzt, was unsere Besichtigung dieses schönen Tempels aber nicht weiter beeinträchtigte. Der Daitoku-ji ist mit seinen perfekt geharkten Gärten und mäandernden Wegen irgendwie eine ganz eigene Welt. Im Haupttempel und den Zen-Gärten, die er umschließt, herrscht strenges Fotoverbot. Selbst als ich nur einen kurzen Blick auf mein Handy warf, wurde ich streng aufgefordert, das Handy nicht in meine Hosentasche, sondern in den Rucksack zu stecken. Um die Heiligkeit der Tempel nicht zu besudeln, folgte ich artig.
Daitoku-ji von außen
Da es immer noch nicht zu regnen aufgehört hatte und wir schon etwas durchnässt waren und sich erste Hungersignale meldeten, beschlossen wir, über Mittag zum Hotel zurückzukehren, um etwas zu essen und uns ein wenig auszuruhen. Mit neuer Kraft und bei aufklarendem Wetter starteten wir unsere Nachmittagstour in Richtung des im Osten Kyotos gelegenen Maruyama-koen. Dieser Park scheint bei Einheimischen und Besuchern gleichermaßen beliebt zu sein, denn hier trafen wir heute erstmals wieder auf größere Menschenansammlungen. Hier erwarten Besucher Teiche, Souvenirläden, Restaurants sowie einige kleine und größere Tempel und Schreine. Am Eingang trifft man gleich auf den Yasaka-jinja, einen farbenprächtigen, großen Schrein, der als Schutzschrein des Vergnügungsviertels Gion gilt. Hier waren definitiv die meisten Menschen unterwegs, vor allem einheimische Frauen, die sich in ihren Kimonos in allen möglichen Posen fotografieren ließen.
Yasaka-jinja
Wir folgten den Wegen des Parks, bis wir beim beeindruckenden Chion-in ankamen, bei dem sich urplötzlich viel weniger Menschen tummelten. Der Chion-in besteht aus einem Komplex von hochaufragenden Gebäuden und weiten Höfen.
Chion-in
Inzwischen lachte auch wieder die frühabendliche Sonne vom Himmel, weshalb wir beschlossen, auch noch zum etwas nördlich des Parks gelegenen Shoren-in zu spazieren. Der Tempel ist zwar dank seiner riesigen Kampferbäume, die vor seinen Mauern wachsen, kaum zu übersehen, doch erfreulicherweise scheinen die meisten Touristen auf dem Weg zu den berühmten Tempeln direkt an ihm vorbeizugehen. Das freute uns natürlich, denn so konnten wir dieses kleine Heiligtum mit seinem fantastischen Garten in relativer Ruhe genießen.
Garten des Shoren-in 1

Garten des Shoren-in 2
Auf unserem Rückweg durchquerten wir noch einmal den Maruyama-koen und spazierten – inzwischen wieder bei teilweise starkem Regen – zur und durch die Ishibei-koji, die als eine der schönsten Straßen Asiens gilt. Dies konnten wir unmittelbar zwar nicht bestätigen, weil wir einerseits noch nicht alle Straßen Asiens gesehen hatten, das schlechte Wetter und die fehlende Kirschblüte aber auch ihren Teil dazu beitrugen. Wir konnte dennoch erahnen, wie sie bei idealen Bedingungen diesen Titel verdienen könnte.
Ishibei-koji
Als wir endgültig genug vom Regen hatten und es ohnehin schon dämmerte, sprangen wir ins nächstbeste Taxi und ließen und zum Hotel kutschieren. Danach stand nur noch entspannen und Abendessen auf dem Plan. Letzteres nahmen wir bei einem nahe gelegenen Streetfood-Markt ein, für japanische Verhältnisse war es jedoch nichts allzu Besonderes.
Auch den nächsten Vormittag ließen wir erstmal ruhig angehen. Anstatt gleich in aller Früh aufzubrechen, schauten wir uns noch gemütlich das Tennisfinale von Indian Wells an, in dem Dominic Thiem mit seinem Sieg über Roger Federer seinen ersten Masters-Titel einfahren konnte. Erfreut über die sportlichen Ereignisse stürzten wir uns am späten Vormittag wieder in den Kulturdschungel Kyotos. Ziel war heute der Norden von Higashiyama (Nordosten Kyotos), wo sich – wer hätte es gedacht – einige wichtige Tempel befinden und man den Tetsugaku-no-Michi, auch bekannt als Philisophenweg, durchschreiten kann. Das Wetter war heute prächtig, weshalb wir beim Bahnhof gleich ins Taxi stiegen, um etwas Zeit zu sparen. Bei der Zielvorgabe entstand aufgrund meiner offensichtlich durchwachsenen japanischen Aussprache ein kleines Missverständnis. Der Tempel, zu dem wir wollten und der sich am Nordende des nach Süden verlaufenden Philosophenweges befindet, hieß Ginkaku-ji. Der sehr nette, aber keineswegs der englischen Sprache mächtige Taxifahrer visierte aber den Jinkaku-ji an, den Goldenen Pavillon, den wir bereits vorgestern beehrt hatten. Auf halber Strecke ist es mir dann doch irgendwie gelungen, ihm klarzumachen, dass wir doch zum Ginkaku-jo beim Philosophenweg wollten. So kamen wir mit einem Umweg dann schließlich mit erhöhtem Taxometerstand bei unserem gewünschten Tempel an. Doch beim Zahlen wurden wir wieder mal Zeuge der japanischen Korrektheit, denn als ich ihm die 3.000 Yen übergab, die die Fahrt ausmachte, gab er mir mit entschuldigenden Gesten einige Hundert-Yen-Münzen zurück. Ich frage mich, wie oft man bei uns zu Hause mit dem Taxi fahren muss, bis einem so etwas passiert …
Der elegante Ginkaku-ji (zum Glück muss ich es hier nicht aussprechen) steht in einem üppigen Garten. Obwohl der Name übersetzt „Silberner Pavillon“ bedeutet, wurde der Plan des Shoguns, das Gebäude komplett mit Silber zu überziehen, nie verwirklicht. Über die durch den Garten führenden Spazierwege gelangt man auf eine Anhöhe, von der aus man wieder einen ganz anderen Blick über Kyoto hat als vom im Westen gelegenen Arashiyama. Neben den Wegen stehen hier und da akribisch geharkte Kegel aus weißem Sand, die zum Staunen anregen. Auch der Teich vor dem Tempel lädt zum Verweilen ein.
Ginkaku-ji und Garten

Ginkaku-ji Garten 1

Ginkaku-ji Garten 2
Nachdem es uns gelungen war, uns von diesem wunderschönen Ort zu trennen, folgten wir dem Philosophenweg gen Süden. Der Weg gilt in Kyoto als einer der schönsten Spaziergänge. Dies gilt aber wohl vor allem zu Zeiten der Kirschblüte, denn links und rechts säumen ihn Blumen, Bäume und Büsche, die bei uns allesamt noch keine Blütenpracht zeigten.
Philosophenweg
Der Vorteil bei der Sache war, dass zumindest wenig Touristen darauf unterwegs waren. Nach ein paar hundert Metern zweigten wir aber ohnehin schon wieder zum nächsten Tempel, dem Honen-in, ab. Er liegt versteckt an einem Berghang und wird deshalb wohl auch gern von Touristen ausgelassen oder übersehen. Bei uns wurde der Tempel, wie zurzeit so einiges in Kyoto (wir vermuten aufgrund der Vorbereitungen auf die anstehende Kirschblüte), gerade renoviert, weshalb das Gebäude selbst sowie seine Gärten nicht zugänglich waren. So hieß es also wieder umdrehen und zurück zum Philosophenweg, der uns nach einigen weiteren Gehminuten zum traumhaften Eikan-do brachte. Seine unterschiedliche Architektur, die Gärten, der Teich und die Kunstwerke machen ihn besonders interessant und verleihen ihm etwas ganz Eigenes. Über steile Stiegen kann man die taho-to-Pagode erklimmen, von der aus sich erneut ein wunderschöner Ausblick auftut.
Eikan-do 1

Eikan-do 2

Eikan-do 3
Als Letztes stand nun noch der am Südende des Philosophenweges gelegene Nanzen-ji auf dem Plan. Auf dem ausgedehnten Gelände dieses etwas besser besuchten und interessanten Tempels befinden sich einige schöne Untertempel und Gärten.
Nanzen-ji
Am Eingang steht der gewaltige San-mon, den man auch erklimmen kann, um von oben auf die Stadt zu blicken. Das taten wir in dem Fall aber nicht, da wir heute schon mehrere schöne Ausblicke genossen hatten. Stattdessen statteten wir zuerst dem Garten des Springenden Tigers, einem typischen Zen-Garten, einen Besuch ab und begaben uns daraufhin zum wohl schönsten Teil des Nanzen-ji, dem Oko-nu-in, einem kleinen Schrein, der versteckt in einer bewaldeten Mulde hinter dem Haupttempel liegt. Bevor man ihn erreicht, geht man unter einem gewaltigen roten Ziegelaquädukt hindurch, das vor allem von Einheimischen für diverse Fotos genutzt wird. Der dafür menschenleere Garten des Oko-nu-in gefiel uns besonders.

Zen-Garten 1 
Zen-Garten 2


Abschließend besuchten wir noch einen weiteren kleinen Schrein auf der Anlage, durch dessen Garten wir ebenfalls allein spazieren und die Ruhe genießen konnten. Sobald man irgendwo Eintritt löhnt, kann man den Massen außerhalb tatsächlich sehr gut entfliehen.
Als sich die Sonne langsam am Horizont verabschiedete, verließen auch wir den Nanzen-ji und den Philosophenweg. Ob wir an diesem Tag etwas weiser geworden sind, bleibt abzuwarten, schöne Eindrücke konnten wir aber allemal gewinnen. Da wir doch einige Yen für Taxis ausgegeben hatten, fuhren wir mit dem Bus zum Hotel zurück. Nach einem schnellen Essen in der Nähe nutzten wir den Abend für diverse organisatorische Dinge wie etwa das Schreiben dieser Zeilen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • In vielen Tempeln finden sich sogenannte „Nachtigallen-Korridore“. Dieser Name geht auf das Geräusch zurück, das die Dielen verursachen, wenn man sich über sie bewegt. Es wird durch Klemmen verursacht, die an den Nägeln reiben, die in die tragenden Holzbalken eingeschlagenen worden sind. Bis heute glauben viele Leute, dass das Absicht war und vor Eindringlingen warnen sollte. Tatsächlich ist das Geräusch aber nur ein Nebeneffekt der Bauweise.
  • Der Spiele- und Konsolenentwickler Nintendo hat seinen Hauptsitz in Kyoto. Die Firma wurde ursprünglich als Hersteller von Spielkarten im Jahr 1889 von Fusajiro Yamauchi gegründet.
  • In Japan schüttelt man sich zur Begrüßung und zum Abschied nicht die Hände, sondern verbeugt sich voreinander. Das kann teilweise zu recht kuriosen Situationen führen, in denen sich Bekannte unaufhörlich vor einander verbeugen, während sie sich langsam von einander entfernen.
  • In der Innenstadt von Kyoto haben die Schilder von McDonald’s und 7-Eleven nicht ihre Originalfarben, sondern sind stattdessen braun. Das ist auf der Welt einmalig und dient dazu, das schützenswerte Stadtbild zu erhalten.

Sonntag, 17. März 2019

Kyoto Tag 2

Weil man von der schieren Masse an Sehenswürdigkeiten in Kyoto fast erschlagen wird und viele der interessantesten Tempel und Schreine weit voneinander entfernt liegen, entscheidet man sich am besten für einen Bereich und plant dort eine möglichst gute Route, um nicht den halben Tag in Bussen, Taxis oder Zügen zu verbringen. So entschieden wir uns für Arashiyama & Sagano am Fuß der Berge westlich von Kyoto, denn dieses Gebiet bietet nach Higashiyama im Osten die größte Dichte an Sehenswürdigkeiten.
Regenschauer hielten uns davor ab, ganz früh zu starten, auch weil die bisher immer sehr verlässlichen Wettervoraussagen im Laufe des Vormittags besseres Wetter versprachen. Demnach starteten wir kurz vor 10 Uhr mit dem Zug vom nahe gelegenen Bahnhof Kyoto nach Arashiyama. Bei dieser Tour, die nahezu den ganzen Tag in Anspruch nehmen sollte, standen mehrere Tempel, Schreine, Gärten und mehr auf dem Programm. Im vollgestopften Zug – noch dazu war auch Samstag – befürchteten wir schon das Schlimmste in Sachen Touristenlawinen. Allerdings sollten wir positiv überrascht werden, denn als wir uns zu Fuß zu unserem ersten Ziel, dem Daikaku-ji, begaben, fanden wir uns schnell ganz allein in einem edlen Wohnviertel mit hübschen kleineren und größeren, von Gärten umschlossenen Anwesen wieder. Wir dachten zuerst, die meisten Touristen wären einfach mit dem Bus weiter zum Schrein gefahren, doch auch den Daikaku-ji selbst teilten wir uns nur mit ein paar vereinzelten Besuchern – eine durchaus erfreuliche und willkommene Abwechslung in Kyoto. Wir verstanden dabei aber nicht wirklich, warum das der Fall war. Der Schrein mag zwar nicht einer der gewaltigsten und beeindruckendsten der Stadt sein, dennoch fehlte es ihm an nichts. Die Bauwerke selbst standen denen anderer Schreine in nichts nach, und ein hübsch angelegter, netter Garten im Innenbereich der Anlage sowie ein großer Teich außerhalb komplettierten das Gesamtbild.
Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 1

Buddha-Statue im Tempel

Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 2

Teich außerhalb des Daikaku-ji
Aber wir kamen vor allem zu dem Entschluss, dass die Ruhe aufgrund der wenigen Besucher ausschlaggebend war, dass uns dieser Schrein so sehr zu gefallen wusste, denn gerade diese Ruhe verleiht den Schreinen etwas Magisches.
Höchsterfreut und positiv überrascht setzten wir unseren Weg zum buddhistischen Tempel Gio-ji fort, der nur weitere 20 Fußminuten entfernt lag. Der Gio-ji, und andere Tempel sind mit einer wunderschönen, traditionellen japanischen Straße verbunden, die links und rechts von netten Teehäusern, kleinen Restaurants und Wohnhäusern mit Gärten gesäumt ist. Die Hauptattraktion des winzigen Tempels, der versteckt am Fuße eines bewaldeten Berghangs liegt, ist der üppige Moosgarten vor der reetgedeckten Halle des Tempels selbst. Auch hier genossen wir weiterhin angenehme Ruhe. 
Gio-ji
Am Weg zum Tempel hatten wir bereits ein nettes Ramen-Restaurant erspäht, das wir am Weg zurück hungrig aufsuchten. Da wir hier die einzigen Gäste waren, befürchteten wir schon, einen Fehler begangen zu haben, doch der allein arbeitende Betreiber und Koch, ein alter, freundlicher Japaner, zauberte uns ein vorzügliches Mittagsmahl, das uns die nötige Kraft für weitere kulturelle Weiterbildung verlieh.
Wieder nur ein paar Minuten die besagt Straße hinauf erreichten wir den Adashino Nenbutsu-ji, einen recht ungewöhnlichen Tempel, auf dessen Gelände die sterblichen Überreste mittelloser Menschen bestattet wurden, die keine näheren Verwandten hatten. Mehrere tausend dicht an dicht stehende Steinbildnisse zeugen davon. Dieser Tempel ist zwar nichts, was man unbedingt gesehen haben muss, dennoch unterschied er sich stark von den bisher gesehenen, weshalb sich der kurze Abstecher auf jeden Fall lohnte. 
Adashino Nenbutsu-ji Friedhof
Wir folgten nun der Straße wieder abwärts, erneut vorbei am Gion-ji, und machten als Nächstes beim Nison-in Halt. Dieser auch eher überschaubar große Tempel wurde im 9. Jahrhundert erbaut und wartet vor allem mit eigentümlichen Friedhöfen an bewaldeten Berghängen sowie zwei wichtigen Buddha-Statuen auf. Er gefiel uns aber von den heute besichtigten am wenigsten. 
Nison-in
Dazwischen ein kurzes Touristen-Update: Immer noch sehr ruhig. Der Weg Richtung Süden führte uns als Nächstes zum Jojakko-ji, einem Tempel, der auf einem moosigen Hügel thront und neben den im November errötenden Ahornbäumen auch für das Nio-mor-Tor mit seinem Reetdach berühmt ist. Etliche Treppen führen durch die Anlage den Hügel hinauf und oben angekommen wird man mit einem grandiosen Ausblick über den Tempel und Kyoto belohnt. Kurz zeigte sich uns sogar ein hübscher Regenbogen über den Hügeln im Nordwesten. Hier herrschte zwar schon wieder etwas mehr Andrang als in den vorhergehenden Tempeln, aber trotzdem war die Lage noch sehr überschaubar. Der Jojakko-ji hatte es damit definitiv in unsere Top-3-Tempel geschafft.
Blick Richtung Kyoto mit Jojakko-ji 
Martin, Gianni, Philipp
Zufrieden verließen wir die Anlage und spazierten weiter südwärts, bis wir bei der in den Reiseführern größten Attraktion der Gegend angekommen waren: dem Arashiyama-Bambushain. Schon am Weg dorthin bemerkten wir, dass er wohl nicht nur in unseren Reiseführern angepriesen wurde, denn wie einer beginnenden Ameisenstraße näherten wir uns anscheinend dem Nest in Form des Hains. Beim Hain angekommen, der mehr oder weniger „nur“ ein kurzer Weg durch einen Bambuswald ist, türmten sich die Menschen. So warfen wir erstmal nur einen ersten Blick auf den Hain und bogen zum Okochi Sanso, einem großzügigen Anwesen gleich um die Ecke, ab. Dank des recht teuren Eintritts konnten wir hier den Massen ein wenig entgehen und die Ruhe dieses wunderschönen Gartens genießen. Bevor wir den kurzen Rundweg auf uns nahmen, schlürften wir beim Eingang einen eigenartig cremigen Grünen Tee mit noch eigenartigerem Grüntee-Biskuit. 
Gianni, Martin

Garten Okochi Sanso
Der Garten gilt nicht umsonst als einer der reizvollsten Kyotos, denn neben den vielen blühenden Büschen und Bäumen, die von verwunschenen Pfaden umschlungen werden, tut sich einem auch eine sagenhafte Aussicht nach Osten über die Stadt auf. Ein echtes Highlight Arashiyamas! Dagegen enttäuschte der Bambushain, in dem wir uns daraufhin durch die unzähligen Touristen kämpften, die offensichtlich alle versuchten, dort ihr perfektes Instagram- oder Facebook-Selfie zu schießen, sogar ein wenig. Blendet man die Massen aus, hat der Hain schon etwas für sich, denn die dicken, grünen Bambusrohre scheinen sich unendlich in alle Richtungen zu strecken und das hereinfallende Licht hat etwas ganz Seltsames. 
Arashiyama-Bambushain
Nichtsdestotrotz verließen wir den Hain etwas unbeeindruckt in Richtung unseres letzten Ziels, dem Tempel Tenryu-ji. Dort angekommen mussten wir allerdings feststellen, dass wir gerade um ein paar Minuten zu spät gekommen waren, denn sie schlossen quasi vor uns seine Pforten. Das war unserer Unerfahrenheit in Sachen Tempelbesichtigung geschuldet, von nun an werden wir die Öffnungszeiten genauer im Blick behalten, um nicht noch einmal vor verschlossenen Toren zu enden.
Tenryu-ji
Da es ohnehin schon dämmerte und wir in Summe doch schon weit gegangen waren, beschlossen wir, mit dem nächsten Zug zu unserem Hotel zurückzukehren, wo wir uns noch kurz entspannten und ein Lokal für unser Abendessen auswählten. Die Entscheidung fiel auf ein nicht weit entferntes Yakiniku-Lokal. Hier befindet sich eine in die Mitte des Tisches eingelassene Grillgrube mit Rost, auf den man nach Belieben Fleisch und Gemüse grillen kann. Aus akuter Angst vor dem Verhungern bestellten wir wie so oft viel zu viel. Das Ganze war zwar ein bisschen ein Tohuwabohu, allerdings schmeckte vor allem das selbstgegrillte Fleisch vorzüglich. Müde und angegessen trugen uns unsere Beine nur noch zurück in unser Hotel, wo ein eindrucksvoller Tag zu Ende ging.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Kyoto ist mit ungefähr 50 Millionen Touristen im Jahr eine der am meisten besuchten Städte der Welt. Die Touristen kommen zwar aus aller Welt, viele von ihnen sind aber auch Japaner. Sie kommen vor allem im Frühjahr während der Kirschblüte und im Herbst wegen der Blätterfärbung der Ahornbäume nach Kyoto.
  • Das Vorankommen in Kyoto ist nicht immer ganz einfach, weshalb in vielen Reiseführern auch empfohlen wird, die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden. Man sollte sein Fahrrad aber nicht irgendwo abstellen, dafür gibt es nämlich eigene Fahrradparkplätze. Diese sind jedoch kostenpflichtig. Dafür haben die meisten Fahrräder Regenschirmhalterungen.
  • Und wo wir gerade bei Regenschirmen sind: Wenn es regnet, gibt es vor sämtlichen Läden, Restaurants, Hotels usw. eigene Plastiksackspender, um den Regenschirm einzupacken und nichts nass zu machen.
  • Die Japaner scheinen Plastik ohnehin zu lieben. Neben den Plastiksäcken für Regenschirme bekommt man vor Tempeln und Schreinen auch Plastiksäcke für die eigenen Schuhe, da man diese vor dem Betreten ausziehen muss.


Tokio Tag 1 (Kamakura) & Tokio Tag 2 (Nikko) & Tokio Tag 3

Fast vier Wochen sind tatsächlich schon vergangen, seit wir hier in Tokio gelandet sind. Auch wenn wir in dieser Zeit vieles erlebt und unt...