Mittwoch, 20. März 2019

Kyoto - Nara - Kyoto & Kyoto - Kanazawa Tag 1

Ein voller Tag blieb uns nun noch im Raum Kyoto, und da wir die von uns ausgewählten Ziele in der Stadt bereits besichtigt hatten (für alles bräuchte man hier wohl ein Jahr oder länger), fuhren wir heute mit dem Zug in die ca. eine Stunde entfernte Stadt Nara, Japans erste dauerhafte Hauptstadt. Sie zählt aufgrund ihrer insgesamt acht Welterbestätten der Unesco zu den interessantesten Reisezielen des Landes.
Leider war das Wetter heute nicht allzu berauschend, wolkenverhangenes Grau in Grau. Dennoch war es unsere letzte Chance, nach Nara zu kommen, also gab es keinen Plan B. Mit dem Zug vom Bahnhof Kyoto erreichten wir Nara nach einer Stunde, wo es rechtzeitig zu unserer Ankunft recht stark zu regnen begann. Also suchten wir erstmal Unterschlupf beim örtlichen Starbucks und versuchten bei einem Kaffee, den ärgsten Regen auszusitzen. Als wir uns nach einer guten halben Stunde entschlossen, in Richtung des Parks Nara-koen aufzubrechen, in dem sich die meisten Attraktionen befinden und der sich für gemütliche Spaziergänge inmitten von Natur und zahmer Rehe eignet, ließ der Regen tatsächlich etwas nach. Nach etwa 15 Minuten erreichten wir den Kofuku-ji, den Tempel, der sozusagen das Eingangstor zum Nara-koen bildet. Besonders erwähnenswert sind seine zwei Pagoden, von denen eine die zweithöchste Japans ist. 
Kofuku-ji

Zweithöchste Pagode Japans
Ab diesem Zeitpunkt waren Heerscharen von Touristen und Rehe unsere ständigen Begleiter, wobei Letztere irgendwie netter sind. Nach dem Kofuku-ji peilten wir den in den Reiseführern angepriesenen Isui-en-Garten an. Bei unserer Ankunft mussten wir jedoch leider feststellen, dass der Garten genau jeden Dienstag geschlossen ist; ein kleingedrucktes Detail, das wir im Reiseführer leider überlesen hatten. Als Entschädigung war zumindest der Nachbargarten Yoshiki-in geöffnet und sogar gratis. Zu unserer Freude war dieser Garten auch kaum besucht, konnte aber durchaus mit den schöneren Gärten, die wir bisher gesehen hatten, mithalten. Auf der Anlage steht ein bezauberndes kleines Landhaus samt Strohdach, es gibt den obligatorischen Teich und mehrere Spazierwege. Hier und da kann man von einer erhöhten Stelle aus sogar einen Blick auf den benachbarten Isui-en-Garten erhaschen. Da uns der Yoshiki-in aber wirklich gut gefiel, ärgerten wir uns nicht weiter, dass wir nur ihn besuchen konnten. 
Yoshiki-in
Reh mit Torii im Hintergrund
Der Regen hatte sich indes auch verflüchtigt, weshalb wir unseren Weg gut gelaunt zur Hauptattraktion Naras fortsetzten: dem Todai-ji. In der Daibutsu-den, der gewaltigen Haupthalle der Anlage, steht (oder besser gesagt, „sitzt“) einer der Hauptgründe für die hier wuselnden Menschenmassen, der berühmte Daibutsu (Großer Buddha). Die Daibutsu-den ist das größte Holzgebäude der Welt, was auch notwendig ist, sonst hätte die furchteinflößende, 15 Meter hohe Buddha-Statue aus Bronze keinen Platz. In der Halle, in deren Mitte der Daibutsu thront, stehen ringsum noch weitere imposante Statuen von wichtigen Glaubensgestalten. Von allen Tempeln und Schreinen, in denen wir bisher waren, ist dieser mit Abstand der ehrfurchtgebietendste. Nur schwer kann man seinen Blick von der Buddha-Statue abwenden, die 746 gegossen und im Laufe der Zeit wiederholt durch Erdbeben und Feuer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er verlor sogar einige Male seinen Kopf, weshalb Kopf und Körper sich auch farblich unterscheiden.
Daibutsu-den

Daibutsu (Großer Buddha)
Den restlichen Nachmittag spazierten wir noch zu anderen interessanten Tempeln des Nara-koen, wobei sie einen nach einem Besuch des Todai-ji und der Daibutsu-den und einigen Tagen Kyoto nicht mehr vom Hocker hauen können. Zumindest war das bei uns so. Hervorzuheben ist vielleicht noch der Kasuga Taisha, der sich am Fuße eines Hügels inmitten eines Waldes befindet. Hunderte Laternen säumen die Pfade, und viele Hunderte mehr schmücken den Schrein selbst. 
Kasuga Taisha
Glücklicherweise blieben wir den restlichen Nachmittag vom Regen verschont und konnten trocken aus dem schönen Nara-koen herausspazieren, um uns vor unserer Rückfahrt nach Kyoto noch ein Essen in der Nähe des Bahnhofs einzuwerfen. Gesättigt und doch etwas müde von der großen Runde durch den Park stiegen wir in den Zug.
Im Hotel in Kyoto planten wir die nächsten Tage noch etwas genauer, für weitere abendliche oder nächtliche Erkundungstouren waren wir definitiv zu geschlaucht.
Am nächsten Tag konnten wir uns ausgiebig ausschlafen, bevor wir am späten Vormittag aus unserem Hotel auscheckten und uns zum Bahnhof aufmachten, wo wir nach einem köstlichen McDonald’s-Imbiss in unseren Zug nach Kanazawa stiegen. Wir waren beinahe etwas froh, unsere Zelte wieder abzubrechen und in einen anderen Teil Japans aufzubrechen. Kyoto hatte uns zwar außerordentlich gut gefallen, dennoch bekamen wir schon leichten Lagerkoller und hofften auch, in Kanazawa, das mit seinen 465.000 Einwohnern ja fast schon Kleinstadtcharakter in Japan hat, den Touristenarmeen etwas entfliehen zu können. Kyoto verabschiedete uns jedenfalls mit strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen.  Die Fahrt nach Kanazawa dauerte knapp über zwei Stunden und wurde leider mit keinem Shinkansen durchgeführt. Da hatten wir die erschreckende Erkenntnis, dass wir auf unserer Reise keine Shinkansen-Fahrt mehr haben werden. Denn ab Kanazawa geht es bis nach Tokio über mehrere Stationen nur noch mit dem Bus weiter.
Am Bahnhof waren wir schon erfreut, hier nur Hunderte Menschen vorzufinden, anstatt die Abertausenden auf dem Bahnhof in Kyoto. In Kanazawa hatten wir zur Abwechslung mal kein Hotel, sondern eine kleine japanische Wohnung gemietet, die sich nur einige Gehminuten vom Bahnhof in einer netten Nebenstraße befindet. Dort angekommen wurden wir gleich vom netten jungen Vermieter in Empfang genommen, der uns im Zuge etlicher Verbeugungen alles zeigte und erklärte. Da die Sonne immer noch vom Himmel lachte und wir noch einige Stunden Licht hatten, machten wir uns nur kurz frisch und gingen gleich weiter zum unweit gelegenen Burgpark Kanazawa, hinter dem sich unser eigentliches Hauptziel des heutigen Tages, der Kenroku-en-Garten, befindet. Der Weg zum Burgpark durch die hübschen und einladenden Straßen der Stadt war eine willkommene Oase der Stille. Auch im weitläufigen Park der interessanten Burg findet man noch Ruhe, erst beim Kenroku-en selbst, der als einer der schönsten Gärten Japans gilt, muss man sich wieder unter die Massen mischen, die hier irgendwie aus dem Nichts erschienen waren, als hätten sie bereits die ganze Zeit über dort auf uns gewartet. Der Garten wurde in der Edo-Zeit angelegt und sein Name (kenroku heißt „kombinierte Sechs“) geht auf einen berühmten chinesischen Garten der Sung-Dynastie zurück, der sechs Attribute festlegte, um als perfekt gelten zu können: Abgeschiedenheit, Weite, künstlerische Gestaltung, lange Geschichte, reichlich Wasser und eine ungehinderte Aussicht. Und all das findet man im Kenroku-en tatsächlich. Wenn man durch dieses kleine Paradies spaziert, blendet man schnell alles um sich herum aus und genießt es einfach nur, hier zu sein. Darüber hinaus gibt es einen Pflaumenhain, in dem sich ein blühender Baum an den anderen reiht. Welchen Garten wir am Ende unserer Reise zu unserem persönlichen Favoriten ernennen werden, bleibt zwar noch offen, der Kenroku-en ist aber definitiv ein ernstzunehmender Kandidat!
Kenroku-en 1

Kenroku-en 2

Kenroku-en 3

Kenroku-en 4
Auf unserem Rückweg spazierten wir noch einmal durch den innerhalb der Burgmauern gelegen Teil des Burgparks, in dem sich ebenfalls noch ein kleiner recht netter Garten versteckt, über den man die Anlage verlassen kann. 
Gyokusen'inmaru Garten
Da wir bis auf diverse McDonald’s-Burger noch nichts im Magen hatten, war es an der Zeit, ein Restaurant für unser Abendessen auszuwählen. Kanazawa liegt am Meer und ist auch gerade deshalb für sein hervorragendes Sushi bekannt. Wir wählten ein im Internet sehr gut bewertetes Lokal in unserer Nähe aus, in dem wir aber leider keinen Platz mehr bekamen. So beschlossen wir kurzerhand, am nächsten Tag auf dem Fischmarkt unser Sushi-Glück zu versuchen und heute jeglichem japanischen Essen abzusagen und unseren italienischen Nachbarn mit dem Verzehr einer Steinofenpizza zu huldigen. Und das bereuten wir keineswegs, erstens bekamen wir noch einen Platz und zweitens schmeckte die Pizza vorzüglich und würde selbst in Italien positiv herausstechen. Egal, was die Japaner zubereiten, sie erreichen fast immer Perfektion.
Nach diesem köstlichen Mahl zogen wir uns in unsere Wohnung zurück, in der wir es uns den restlichen Abend gemütlich machten und uns ein wenig das Programm für den morgigen Tag in Kanazawa überlegten.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Japan hat ein großes Problem mit der Überalterung der Bevölkerung – durch die niedrige Geburtenrate von 1,3 steuert das Land direkt auf eine Seniorengesellschaft zu. Jeder dritte Japaner ist über 65 und bis 2025 soll das Durchschnittsalter bei 50 Jahren liegen. So verkauft der größte Windelhersteller des Landes bereits heute mehr Inkontinenz- als Babywindeln.
  • Während Japan immer älter wird, steigt auch die Zahl der Haustiere. So sind in Japan mehr Katzen und Hunde behördlich angemeldet als Kinder unter 15 Jahren. Da ist es auch nur logisch, dass es in den Supermärkten ein größeres Sortiment an Tiernahrung als Babynahrung gibt.
  • Und wo wir gerade beim Thema Kinder sind: Traditionell spielen Geburtstage in Japan eigentlich keine Rolle. Wenn am 1. Jänner das neue Jahr beginnt, werden alle kollektiv ein Jahr älter – der genaue Tag der Geburt ist also irrelevant, nur das Geburtsjahr ist von Bedeutung. Mittlerweile bekommen Kinder an ihren Geburtstage jedoch meist eine Kleinigkeit.
  • Japan gilt als eines der sichersten Länder der Welt – und das völlig zu recht. So gibt es in Japan jährlich ungefähr an die 1.000 Gewaltverbrechen. Im Vergleich dazu ist die Selbstmordrate mit ungefähr 30.000 Selbstmorden pro Jahr geradezu bedenklich hoch.

Montag, 18. März 2019

Kyoto Tag 3 & 4

An unserem dritten Tag in Kyoto wurden wir erstmal von Regen begrüßt. Dennoch rafften wir uns auf und verließen gegen 8 Uhr unser Hotel. Heute hatten wir uns ob des Wetters und um nicht die Lust am Besichtigen zu verlieren, kein allzu dichtes Programm vorgenommen. Mit der U-Bahn ging es als Erstes zur großen Burg Nijo-ji, bei der wir gerade rechtzeitig zur morgendlichen Öffnungszeit eintrafen. Ihre imposanten Burgmauern und Wallanlagen führen einem die ganze Militärmacht der damaligen Shogune, der großen Kriegsherren Japans, vor Augen. Hinter den Mauern versteckt sich ein prunkvoller Palast, der von schönen Gärten umgeben ist. Wir durchschritten den eindrucksvollen Palast mit seinen schön bemalten Räumen, in denen hier und da auch mit Figuren Szenen aus der damaligen Zeit nachgestellt wurden. Leider war der Regen inzwischen wieder stärker geworden und darüber hinaus waren große Teile der Anlage aufgrund von Renovierungsarbeiten abgesperrt oder verhüllt. So war unser Besuch dieser an sich zweifellos spektakulären Gärten ein eher nasses als berauschendes Erlebnis.
Tonan Sumi Yagura (Wachturm) 
Ninomaru Goten Palast

Ninomaru Goten Palastgarten bei Regen

Nach einem kurzen Kaffeestopp kämpften wir uns durch den anhaltenden Regen weiter zum ausgedehnten Kaiserlichen Palastpark, der nur gute 15 Minuten von der Nijo-ji entfernt ist. Da Gosho (Kaiserpalast) selbst im Vergleich zu anderen Burgen und Attraktionen weniger spektakulär sein soll und ein Besuch ohnehin nur nach Anmeldung möglich ist, beschlossen wir, nur den Park zu durchschreiten. Als wir beim Park ankamen, hatte der Regen etwas nachgelassen und wir wurden sogar mit einigen blühenden Kirsch- und Pflaumenbäumen belohnt. In dieser grünen Lunge Kyotos wechseln sich offene Flächen mit einer großen Vielfalt an in unserem Fall zum Glück blühenden Bäumen ab.
Blühende Bäume im Kyoto Gyoen (Imperialpalast Park)
Als wir unsere Parkdurchquerung beendet hatten, gönnten wir uns am Nordende ein Taxi, mit dem wir uns zum etwas weiter entfernten Daitoku-ji führen ließen. Dort angekommen hatte der Regen wiedereingesetzt, was unsere Besichtigung dieses schönen Tempels aber nicht weiter beeinträchtigte. Der Daitoku-ji ist mit seinen perfekt geharkten Gärten und mäandernden Wegen irgendwie eine ganz eigene Welt. Im Haupttempel und den Zen-Gärten, die er umschließt, herrscht strenges Fotoverbot. Selbst als ich nur einen kurzen Blick auf mein Handy warf, wurde ich streng aufgefordert, das Handy nicht in meine Hosentasche, sondern in den Rucksack zu stecken. Um die Heiligkeit der Tempel nicht zu besudeln, folgte ich artig.
Daitoku-ji von außen
Da es immer noch nicht zu regnen aufgehört hatte und wir schon etwas durchnässt waren und sich erste Hungersignale meldeten, beschlossen wir, über Mittag zum Hotel zurückzukehren, um etwas zu essen und uns ein wenig auszuruhen. Mit neuer Kraft und bei aufklarendem Wetter starteten wir unsere Nachmittagstour in Richtung des im Osten Kyotos gelegenen Maruyama-koen. Dieser Park scheint bei Einheimischen und Besuchern gleichermaßen beliebt zu sein, denn hier trafen wir heute erstmals wieder auf größere Menschenansammlungen. Hier erwarten Besucher Teiche, Souvenirläden, Restaurants sowie einige kleine und größere Tempel und Schreine. Am Eingang trifft man gleich auf den Yasaka-jinja, einen farbenprächtigen, großen Schrein, der als Schutzschrein des Vergnügungsviertels Gion gilt. Hier waren definitiv die meisten Menschen unterwegs, vor allem einheimische Frauen, die sich in ihren Kimonos in allen möglichen Posen fotografieren ließen.
Yasaka-jinja
Wir folgten den Wegen des Parks, bis wir beim beeindruckenden Chion-in ankamen, bei dem sich urplötzlich viel weniger Menschen tummelten. Der Chion-in besteht aus einem Komplex von hochaufragenden Gebäuden und weiten Höfen.
Chion-in
Inzwischen lachte auch wieder die frühabendliche Sonne vom Himmel, weshalb wir beschlossen, auch noch zum etwas nördlich des Parks gelegenen Shoren-in zu spazieren. Der Tempel ist zwar dank seiner riesigen Kampferbäume, die vor seinen Mauern wachsen, kaum zu übersehen, doch erfreulicherweise scheinen die meisten Touristen auf dem Weg zu den berühmten Tempeln direkt an ihm vorbeizugehen. Das freute uns natürlich, denn so konnten wir dieses kleine Heiligtum mit seinem fantastischen Garten in relativer Ruhe genießen.
Garten des Shoren-in 1

Garten des Shoren-in 2
Auf unserem Rückweg durchquerten wir noch einmal den Maruyama-koen und spazierten – inzwischen wieder bei teilweise starkem Regen – zur und durch die Ishibei-koji, die als eine der schönsten Straßen Asiens gilt. Dies konnten wir unmittelbar zwar nicht bestätigen, weil wir einerseits noch nicht alle Straßen Asiens gesehen hatten, das schlechte Wetter und die fehlende Kirschblüte aber auch ihren Teil dazu beitrugen. Wir konnte dennoch erahnen, wie sie bei idealen Bedingungen diesen Titel verdienen könnte.
Ishibei-koji
Als wir endgültig genug vom Regen hatten und es ohnehin schon dämmerte, sprangen wir ins nächstbeste Taxi und ließen und zum Hotel kutschieren. Danach stand nur noch entspannen und Abendessen auf dem Plan. Letzteres nahmen wir bei einem nahe gelegenen Streetfood-Markt ein, für japanische Verhältnisse war es jedoch nichts allzu Besonderes.
Auch den nächsten Vormittag ließen wir erstmal ruhig angehen. Anstatt gleich in aller Früh aufzubrechen, schauten wir uns noch gemütlich das Tennisfinale von Indian Wells an, in dem Dominic Thiem mit seinem Sieg über Roger Federer seinen ersten Masters-Titel einfahren konnte. Erfreut über die sportlichen Ereignisse stürzten wir uns am späten Vormittag wieder in den Kulturdschungel Kyotos. Ziel war heute der Norden von Higashiyama (Nordosten Kyotos), wo sich – wer hätte es gedacht – einige wichtige Tempel befinden und man den Tetsugaku-no-Michi, auch bekannt als Philisophenweg, durchschreiten kann. Das Wetter war heute prächtig, weshalb wir beim Bahnhof gleich ins Taxi stiegen, um etwas Zeit zu sparen. Bei der Zielvorgabe entstand aufgrund meiner offensichtlich durchwachsenen japanischen Aussprache ein kleines Missverständnis. Der Tempel, zu dem wir wollten und der sich am Nordende des nach Süden verlaufenden Philosophenweges befindet, hieß Ginkaku-ji. Der sehr nette, aber keineswegs der englischen Sprache mächtige Taxifahrer visierte aber den Jinkaku-ji an, den Goldenen Pavillon, den wir bereits vorgestern beehrt hatten. Auf halber Strecke ist es mir dann doch irgendwie gelungen, ihm klarzumachen, dass wir doch zum Ginkaku-jo beim Philosophenweg wollten. So kamen wir mit einem Umweg dann schließlich mit erhöhtem Taxometerstand bei unserem gewünschten Tempel an. Doch beim Zahlen wurden wir wieder mal Zeuge der japanischen Korrektheit, denn als ich ihm die 3.000 Yen übergab, die die Fahrt ausmachte, gab er mir mit entschuldigenden Gesten einige Hundert-Yen-Münzen zurück. Ich frage mich, wie oft man bei uns zu Hause mit dem Taxi fahren muss, bis einem so etwas passiert …
Der elegante Ginkaku-ji (zum Glück muss ich es hier nicht aussprechen) steht in einem üppigen Garten. Obwohl der Name übersetzt „Silberner Pavillon“ bedeutet, wurde der Plan des Shoguns, das Gebäude komplett mit Silber zu überziehen, nie verwirklicht. Über die durch den Garten führenden Spazierwege gelangt man auf eine Anhöhe, von der aus man wieder einen ganz anderen Blick über Kyoto hat als vom im Westen gelegenen Arashiyama. Neben den Wegen stehen hier und da akribisch geharkte Kegel aus weißem Sand, die zum Staunen anregen. Auch der Teich vor dem Tempel lädt zum Verweilen ein.
Ginkaku-ji und Garten

Ginkaku-ji Garten 1

Ginkaku-ji Garten 2
Nachdem es uns gelungen war, uns von diesem wunderschönen Ort zu trennen, folgten wir dem Philosophenweg gen Süden. Der Weg gilt in Kyoto als einer der schönsten Spaziergänge. Dies gilt aber wohl vor allem zu Zeiten der Kirschblüte, denn links und rechts säumen ihn Blumen, Bäume und Büsche, die bei uns allesamt noch keine Blütenpracht zeigten.
Philosophenweg
Der Vorteil bei der Sache war, dass zumindest wenig Touristen darauf unterwegs waren. Nach ein paar hundert Metern zweigten wir aber ohnehin schon wieder zum nächsten Tempel, dem Honen-in, ab. Er liegt versteckt an einem Berghang und wird deshalb wohl auch gern von Touristen ausgelassen oder übersehen. Bei uns wurde der Tempel, wie zurzeit so einiges in Kyoto (wir vermuten aufgrund der Vorbereitungen auf die anstehende Kirschblüte), gerade renoviert, weshalb das Gebäude selbst sowie seine Gärten nicht zugänglich waren. So hieß es also wieder umdrehen und zurück zum Philosophenweg, der uns nach einigen weiteren Gehminuten zum traumhaften Eikan-do brachte. Seine unterschiedliche Architektur, die Gärten, der Teich und die Kunstwerke machen ihn besonders interessant und verleihen ihm etwas ganz Eigenes. Über steile Stiegen kann man die taho-to-Pagode erklimmen, von der aus sich erneut ein wunderschöner Ausblick auftut.
Eikan-do 1

Eikan-do 2

Eikan-do 3
Als Letztes stand nun noch der am Südende des Philosophenweges gelegene Nanzen-ji auf dem Plan. Auf dem ausgedehnten Gelände dieses etwas besser besuchten und interessanten Tempels befinden sich einige schöne Untertempel und Gärten.
Nanzen-ji
Am Eingang steht der gewaltige San-mon, den man auch erklimmen kann, um von oben auf die Stadt zu blicken. Das taten wir in dem Fall aber nicht, da wir heute schon mehrere schöne Ausblicke genossen hatten. Stattdessen statteten wir zuerst dem Garten des Springenden Tigers, einem typischen Zen-Garten, einen Besuch ab und begaben uns daraufhin zum wohl schönsten Teil des Nanzen-ji, dem Oko-nu-in, einem kleinen Schrein, der versteckt in einer bewaldeten Mulde hinter dem Haupttempel liegt. Bevor man ihn erreicht, geht man unter einem gewaltigen roten Ziegelaquädukt hindurch, das vor allem von Einheimischen für diverse Fotos genutzt wird. Der dafür menschenleere Garten des Oko-nu-in gefiel uns besonders.

Zen-Garten 1 
Zen-Garten 2


Abschließend besuchten wir noch einen weiteren kleinen Schrein auf der Anlage, durch dessen Garten wir ebenfalls allein spazieren und die Ruhe genießen konnten. Sobald man irgendwo Eintritt löhnt, kann man den Massen außerhalb tatsächlich sehr gut entfliehen.
Als sich die Sonne langsam am Horizont verabschiedete, verließen auch wir den Nanzen-ji und den Philosophenweg. Ob wir an diesem Tag etwas weiser geworden sind, bleibt abzuwarten, schöne Eindrücke konnten wir aber allemal gewinnen. Da wir doch einige Yen für Taxis ausgegeben hatten, fuhren wir mit dem Bus zum Hotel zurück. Nach einem schnellen Essen in der Nähe nutzten wir den Abend für diverse organisatorische Dinge wie etwa das Schreiben dieser Zeilen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • In vielen Tempeln finden sich sogenannte „Nachtigallen-Korridore“. Dieser Name geht auf das Geräusch zurück, das die Dielen verursachen, wenn man sich über sie bewegt. Es wird durch Klemmen verursacht, die an den Nägeln reiben, die in die tragenden Holzbalken eingeschlagenen worden sind. Bis heute glauben viele Leute, dass das Absicht war und vor Eindringlingen warnen sollte. Tatsächlich ist das Geräusch aber nur ein Nebeneffekt der Bauweise.
  • Der Spiele- und Konsolenentwickler Nintendo hat seinen Hauptsitz in Kyoto. Die Firma wurde ursprünglich als Hersteller von Spielkarten im Jahr 1889 von Fusajiro Yamauchi gegründet.
  • In Japan schüttelt man sich zur Begrüßung und zum Abschied nicht die Hände, sondern verbeugt sich voreinander. Das kann teilweise zu recht kuriosen Situationen führen, in denen sich Bekannte unaufhörlich vor einander verbeugen, während sie sich langsam von einander entfernen.
  • In der Innenstadt von Kyoto haben die Schilder von McDonald’s und 7-Eleven nicht ihre Originalfarben, sondern sind stattdessen braun. Das ist auf der Welt einmalig und dient dazu, das schützenswerte Stadtbild zu erhalten.

Sonntag, 17. März 2019

Kyoto Tag 2

Weil man von der schieren Masse an Sehenswürdigkeiten in Kyoto fast erschlagen wird und viele der interessantesten Tempel und Schreine weit voneinander entfernt liegen, entscheidet man sich am besten für einen Bereich und plant dort eine möglichst gute Route, um nicht den halben Tag in Bussen, Taxis oder Zügen zu verbringen. So entschieden wir uns für Arashiyama & Sagano am Fuß der Berge westlich von Kyoto, denn dieses Gebiet bietet nach Higashiyama im Osten die größte Dichte an Sehenswürdigkeiten.
Regenschauer hielten uns davor ab, ganz früh zu starten, auch weil die bisher immer sehr verlässlichen Wettervoraussagen im Laufe des Vormittags besseres Wetter versprachen. Demnach starteten wir kurz vor 10 Uhr mit dem Zug vom nahe gelegenen Bahnhof Kyoto nach Arashiyama. Bei dieser Tour, die nahezu den ganzen Tag in Anspruch nehmen sollte, standen mehrere Tempel, Schreine, Gärten und mehr auf dem Programm. Im vollgestopften Zug – noch dazu war auch Samstag – befürchteten wir schon das Schlimmste in Sachen Touristenlawinen. Allerdings sollten wir positiv überrascht werden, denn als wir uns zu Fuß zu unserem ersten Ziel, dem Daikaku-ji, begaben, fanden wir uns schnell ganz allein in einem edlen Wohnviertel mit hübschen kleineren und größeren, von Gärten umschlossenen Anwesen wieder. Wir dachten zuerst, die meisten Touristen wären einfach mit dem Bus weiter zum Schrein gefahren, doch auch den Daikaku-ji selbst teilten wir uns nur mit ein paar vereinzelten Besuchern – eine durchaus erfreuliche und willkommene Abwechslung in Kyoto. Wir verstanden dabei aber nicht wirklich, warum das der Fall war. Der Schrein mag zwar nicht einer der gewaltigsten und beeindruckendsten der Stadt sein, dennoch fehlte es ihm an nichts. Die Bauwerke selbst standen denen anderer Schreine in nichts nach, und ein hübsch angelegter, netter Garten im Innenbereich der Anlage sowie ein großer Teich außerhalb komplettierten das Gesamtbild.
Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 1

Buddha-Statue im Tempel

Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 2

Teich außerhalb des Daikaku-ji
Aber wir kamen vor allem zu dem Entschluss, dass die Ruhe aufgrund der wenigen Besucher ausschlaggebend war, dass uns dieser Schrein so sehr zu gefallen wusste, denn gerade diese Ruhe verleiht den Schreinen etwas Magisches.
Höchsterfreut und positiv überrascht setzten wir unseren Weg zum buddhistischen Tempel Gio-ji fort, der nur weitere 20 Fußminuten entfernt lag. Der Gio-ji, und andere Tempel sind mit einer wunderschönen, traditionellen japanischen Straße verbunden, die links und rechts von netten Teehäusern, kleinen Restaurants und Wohnhäusern mit Gärten gesäumt ist. Die Hauptattraktion des winzigen Tempels, der versteckt am Fuße eines bewaldeten Berghangs liegt, ist der üppige Moosgarten vor der reetgedeckten Halle des Tempels selbst. Auch hier genossen wir weiterhin angenehme Ruhe. 
Gio-ji
Am Weg zum Tempel hatten wir bereits ein nettes Ramen-Restaurant erspäht, das wir am Weg zurück hungrig aufsuchten. Da wir hier die einzigen Gäste waren, befürchteten wir schon, einen Fehler begangen zu haben, doch der allein arbeitende Betreiber und Koch, ein alter, freundlicher Japaner, zauberte uns ein vorzügliches Mittagsmahl, das uns die nötige Kraft für weitere kulturelle Weiterbildung verlieh.
Wieder nur ein paar Minuten die besagt Straße hinauf erreichten wir den Adashino Nenbutsu-ji, einen recht ungewöhnlichen Tempel, auf dessen Gelände die sterblichen Überreste mittelloser Menschen bestattet wurden, die keine näheren Verwandten hatten. Mehrere tausend dicht an dicht stehende Steinbildnisse zeugen davon. Dieser Tempel ist zwar nichts, was man unbedingt gesehen haben muss, dennoch unterschied er sich stark von den bisher gesehenen, weshalb sich der kurze Abstecher auf jeden Fall lohnte. 
Adashino Nenbutsu-ji Friedhof
Wir folgten nun der Straße wieder abwärts, erneut vorbei am Gion-ji, und machten als Nächstes beim Nison-in Halt. Dieser auch eher überschaubar große Tempel wurde im 9. Jahrhundert erbaut und wartet vor allem mit eigentümlichen Friedhöfen an bewaldeten Berghängen sowie zwei wichtigen Buddha-Statuen auf. Er gefiel uns aber von den heute besichtigten am wenigsten. 
Nison-in
Dazwischen ein kurzes Touristen-Update: Immer noch sehr ruhig. Der Weg Richtung Süden führte uns als Nächstes zum Jojakko-ji, einem Tempel, der auf einem moosigen Hügel thront und neben den im November errötenden Ahornbäumen auch für das Nio-mor-Tor mit seinem Reetdach berühmt ist. Etliche Treppen führen durch die Anlage den Hügel hinauf und oben angekommen wird man mit einem grandiosen Ausblick über den Tempel und Kyoto belohnt. Kurz zeigte sich uns sogar ein hübscher Regenbogen über den Hügeln im Nordwesten. Hier herrschte zwar schon wieder etwas mehr Andrang als in den vorhergehenden Tempeln, aber trotzdem war die Lage noch sehr überschaubar. Der Jojakko-ji hatte es damit definitiv in unsere Top-3-Tempel geschafft.
Blick Richtung Kyoto mit Jojakko-ji 
Martin, Gianni, Philipp
Zufrieden verließen wir die Anlage und spazierten weiter südwärts, bis wir bei der in den Reiseführern größten Attraktion der Gegend angekommen waren: dem Arashiyama-Bambushain. Schon am Weg dorthin bemerkten wir, dass er wohl nicht nur in unseren Reiseführern angepriesen wurde, denn wie einer beginnenden Ameisenstraße näherten wir uns anscheinend dem Nest in Form des Hains. Beim Hain angekommen, der mehr oder weniger „nur“ ein kurzer Weg durch einen Bambuswald ist, türmten sich die Menschen. So warfen wir erstmal nur einen ersten Blick auf den Hain und bogen zum Okochi Sanso, einem großzügigen Anwesen gleich um die Ecke, ab. Dank des recht teuren Eintritts konnten wir hier den Massen ein wenig entgehen und die Ruhe dieses wunderschönen Gartens genießen. Bevor wir den kurzen Rundweg auf uns nahmen, schlürften wir beim Eingang einen eigenartig cremigen Grünen Tee mit noch eigenartigerem Grüntee-Biskuit. 
Gianni, Martin

Garten Okochi Sanso
Der Garten gilt nicht umsonst als einer der reizvollsten Kyotos, denn neben den vielen blühenden Büschen und Bäumen, die von verwunschenen Pfaden umschlungen werden, tut sich einem auch eine sagenhafte Aussicht nach Osten über die Stadt auf. Ein echtes Highlight Arashiyamas! Dagegen enttäuschte der Bambushain, in dem wir uns daraufhin durch die unzähligen Touristen kämpften, die offensichtlich alle versuchten, dort ihr perfektes Instagram- oder Facebook-Selfie zu schießen, sogar ein wenig. Blendet man die Massen aus, hat der Hain schon etwas für sich, denn die dicken, grünen Bambusrohre scheinen sich unendlich in alle Richtungen zu strecken und das hereinfallende Licht hat etwas ganz Seltsames. 
Arashiyama-Bambushain
Nichtsdestotrotz verließen wir den Hain etwas unbeeindruckt in Richtung unseres letzten Ziels, dem Tempel Tenryu-ji. Dort angekommen mussten wir allerdings feststellen, dass wir gerade um ein paar Minuten zu spät gekommen waren, denn sie schlossen quasi vor uns seine Pforten. Das war unserer Unerfahrenheit in Sachen Tempelbesichtigung geschuldet, von nun an werden wir die Öffnungszeiten genauer im Blick behalten, um nicht noch einmal vor verschlossenen Toren zu enden.
Tenryu-ji
Da es ohnehin schon dämmerte und wir in Summe doch schon weit gegangen waren, beschlossen wir, mit dem nächsten Zug zu unserem Hotel zurückzukehren, wo wir uns noch kurz entspannten und ein Lokal für unser Abendessen auswählten. Die Entscheidung fiel auf ein nicht weit entferntes Yakiniku-Lokal. Hier befindet sich eine in die Mitte des Tisches eingelassene Grillgrube mit Rost, auf den man nach Belieben Fleisch und Gemüse grillen kann. Aus akuter Angst vor dem Verhungern bestellten wir wie so oft viel zu viel. Das Ganze war zwar ein bisschen ein Tohuwabohu, allerdings schmeckte vor allem das selbstgegrillte Fleisch vorzüglich. Müde und angegessen trugen uns unsere Beine nur noch zurück in unser Hotel, wo ein eindrucksvoller Tag zu Ende ging.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Kyoto ist mit ungefähr 50 Millionen Touristen im Jahr eine der am meisten besuchten Städte der Welt. Die Touristen kommen zwar aus aller Welt, viele von ihnen sind aber auch Japaner. Sie kommen vor allem im Frühjahr während der Kirschblüte und im Herbst wegen der Blätterfärbung der Ahornbäume nach Kyoto.
  • Das Vorankommen in Kyoto ist nicht immer ganz einfach, weshalb in vielen Reiseführern auch empfohlen wird, die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden. Man sollte sein Fahrrad aber nicht irgendwo abstellen, dafür gibt es nämlich eigene Fahrradparkplätze. Diese sind jedoch kostenpflichtig. Dafür haben die meisten Fahrräder Regenschirmhalterungen.
  • Und wo wir gerade bei Regenschirmen sind: Wenn es regnet, gibt es vor sämtlichen Läden, Restaurants, Hotels usw. eigene Plastiksackspender, um den Regenschirm einzupacken und nichts nass zu machen.
  • Die Japaner scheinen Plastik ohnehin zu lieben. Neben den Plastiksäcken für Regenschirme bekommt man vor Tempeln und Schreinen auch Plastiksäcke für die eigenen Schuhe, da man diese vor dem Betreten ausziehen muss.


Freitag, 15. März 2019

Osaka Tag 2 & 3 - Kyoto Tag 1

Ganz nach Plan starteten wir stressfrei in unseren zweiten Tag in Osaka, weshalb wir unser Hotel erst gegen halb 12 zu Mittag verließen und uns erstmal auf Nahrungssuche begaben. Gianni schlug kurzerhand Sushi am Fischmarkt vor, was bei Martin und mir natürlich großen Anklang fand. So war mit dem Kuromon-ichiba-Fischmarkt im Stadtviertel Namba schnell unser erstes Ziel ausgemacht.
Wie fast immer in Japans Großstädten ist man auch in Osaka mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schnell am Ziel. Der Fischmarkt ist mehr oder weniger eine große Markthalle, durch die zwei lange, sich kreuzende Gassen verlaufen, an denen links und rechts allerlei Meeresgetier feilgeboten wird.
Kuromon-ichiba-Fischmarkt
Wir bummelten zuerst eine Weile, bis der Hunger schließlich so groß war, dass wir uns in eines der vielen kleinen Lokale setzten. Wie schon am Tokioter Fischmarkt war auch hier das Sushi ein wahrer Genuss. Es wird wohl eines der Dinge bleiben, die wir zu Hause am meisten vermissen werden …
Nun, da der Hunger beseitigt war, hatten wir wieder genug Kräfte, um uns noch auf ein wenig Sightseeing zu begeben. Unweit des Fischmarkts liegt das kleine, aber interessante Viertel Shin-Sekai („neue Welt“). In diesem Amüsierviertel trifft Heruntergekommenes auf Retro. Mittendrin steht der 103 m hohe Stahlturm Tsuten-kaku. 
Shin-Sekai mit Turm Tsuten-kaku
Obgleich sich hier immer noch etliche Touristen tummelten, war bei Weitem nicht so viel los, wie in Dotombori oder Amerika-Mura. So wurde es für uns ein kurzer Verdauungsbummel vorbei an Spielhallen, heruntergekommenen Theatern und diversen anderen Touristenunterhaltungen. Um die ältere Kultur Osakas nicht ganz zu vernachlässigen, wählten wir als unser nächstes und letztes Sightseeing-Ziel für den Tag den etwas am südlichen Rand der Stadt gelegenen Sumiyoshi-Taisha-Schrein aus. Auf dem Weg dorthin passierte es uns doch tatsächlich zum ersten Mal auf dieser Reise, in den falschen Zug einzusteigen, denn es gab auf derselben Route eine Express-Bahn und eine regionale (was wir allerdings erst im Nachhinein bemerkten, als wir schon in der Express-Bahn saßen, die bei unserer Station nicht Halt machte). Alles aber nicht weiter schlimm, so mussten wir eben wieder aussteigen und mit dem nächsten Regionalzug zurückfahren.
Nach unserer kleinen Ehrenrunde erreichten wir aber schließlich doch unser gewünschtes Ziel, den Sumiyoshi Taisha. Er war insofern auch eine willkommene Abwechslung, weil sich hier nicht so viele Touristen herumtrieben, wie an den meisten anderen Hotspots. 
Sumiyoshi-Taisha-Schrein
Rote Brücke zum Sumiyoshi-Taisha-Schrein
Vielleicht sind sie alle in den falschen Zug gestiegen … Der Schrein ist den Shinto-Gottheiten des Meeres und der Seereisen gewidmet. Er gilt als eine Art Hauptwohnsitz aller japanischen Sumiyoshi-Schreine. Die heutigen Bauwerke sind getreue Nachbildungen der antiken Originale. Durch die Anlage fließt ein von Bäumen und Laternen gesäumtes Gewässer, über das eine leuchtend orange Trommelbrücke führt. Die Größe der Anlage ist recht überschaubar, dennoch lohnte sich definitiv ein Besuch.
Danach fuhren wir wieder zurück zum Hotel, heute etwas früher als gewöhnlich, da wir uns noch das Nachtleben Osakas zu Gemüte führen wollten. Für den folgenden letzten Tag in Osaka hatten wir uns ohnehin nichts Fixes vorgenommen, weil wir auch nicht wussten, wie sehr der Fortgehabend eskalieren würde. Und das tat er, zumindest was die Mengen Bier und Gin Tonic betraf. Spätnachts ist zwar nichts mehr von den Menschenmassen zu sehen, die sich unter Tags hier türmen, dennoch gibt es das eine oder andere Lokal, in dem auch an einem Mittwoch noch ein bisschen was los ist. Nach unzähligen alkoholischen Erfrischungsgetränken fanden wir uns irgendwann in den Morgenstunden in einem Taxi zu unserem Hotel wieder und fielen leicht angeheitert in unsere Betten.
Unser letzter Ganztag in Osaka ist somit schnell zusammengefasst: Hotelzimmer – Essen und Kaffee ums Eck – Hotelzimmer. Auch wenn die Nachwehen des Vorabends nicht sehr angenehm waren, tat es doch auch mal ganz gut, einen Tag lang nichts zu unternehmen. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir in den kommenden fünf Tagen in Kyoto jeden Tag volles Programm haben werden.
Der „freie“ Ausnüchterungs- und Relax-Tag verlieh uns wieder die nötige Kraft, um am nächsten Tag unseren Weg nach Kyoto, dem Inbegriff von Japan, fortzusetzen. So verließen wir das interessante Osaka, das im Vergleich zu den anderen japanischen Großstädten, die wir bisher besucht hatten, irgendwie aus der Reihe zu tanzen schien. Die Stadt war zwar nicht besonders schön, versprühte mit ihren lebhaften Vierteln aber dennoch ein ganz eigenes Flair. Die Zugfahrt nach Kyoto dauerte nicht einmal 20 Minuten und so waren wir bereits am späten Vormittag in Japans Kulturmekka. Unser Hotel hatten wir praktischerweise wieder direkt am Bahnhof gebucht, also konnte wir noch schnell unser Gepäck abgeben, ehe wir uns auf eine erste Erkundungstour begaben. Hier in Kyoto gibt es all die Dinge, die man mit dem Land der aufgehenden Sonne verbindet: antike Tempel, farbenprächtige Schreine und elegante Gärten. Die Stadt ist eine Art Schatztruhe der Traditionen Japans, nicht nur deshalb pilgern hier auch viele Einheimische her, wenn sie etwas darüber erfahren wollen.
Wir merkten schnell, dass es ein kleiner Fehler war, uns noch kein genaueres Programm für hier überlegt zu haben, denn die schiere Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen fast. Da wir aber gerade wunderschönes Wetter hatten und die folgenden Tage nicht ganz einwandfrei angesagt waren, mussten wir uns schnell für ein erstes Ziel entscheiden. Und so wählten wir den im Norden der Stadt etwas abseits gelegenen Kinkaku-ji, Kyotos berühmten „Goldenen Pavillon“, der vor allem bei Schönwetter ein hübsches Fotomotiv abgibt. Mit der Schnellbahn ging es nordwärts bis etwa zwei Kilometer vor das Tempelgelände. Wir standen vor der Wahl, entweder in den Bus zu steigen oder den Weg zu Fuß zurückzulegen. Da wir gestern nur die notwendigsten Bewegungen ausgeführt hatten, entschieden wir uns für Zweiteres. Der Weg durch kleine Seitengassen ließ noch nicht vermuten, wie viel sich beim Kinkaku-ji abspielen sollte, denn beim Tempel angekommen wimmelte es wieder wie aus dem Nichts von Touristen – wohl eine Tatsache, mit der wir uns in den nächsten Tagen abfinden müssen. Dennoch zahlte sich der Spaziergang durch den schönen Tempelgarten vorbei am ganz mit Blattgold bedeckten Pavillon wirklich aus. Zum Schluss gönnten wir uns noch ein eigenartig, aber nicht schlecht schmeckendes Matcha-Eis.
Moosbedeckter Waldboden am Weg zum Kinkaku-ji

Kinkaku-ji
Da der Nachmittag weiterhin strahlenden Sonnenschein versprach, machten wir uns kurzerhand mit Bus und Bahn zu einer der nächsten ganz großen Sehenswürdigkeiten Kyotos auf: dem Fushimi Inari-Taisha. Auch dort erwarteten uns vor allem im Eingangsbereich unzählige Menschen. Der Komplex erstreckt sich über die bewaldeten Hänge des Inari-yama, an denen sich scheinbar endlose Arkaden aus zinnoberroten Schreintoren hinaufwinden. Der Pfad auf den Gipfel erstreckt sich über vier Kilometer, während derer man stets unter den Schreintoren wandert. Zu unserer Freude gingen die anfänglichen Touristenschwärme gefühlt mit jedem Höhenmeter zurück, was das Gesamterlebnis des Schreins wesentlich aufwertete. 
Menschenmassen beim Fushimi Inari-Taisha

Zinnoberrote Schreintore 1

Zinnoberrote Schreintore 2
Wenn man nicht gerade als Teil einer gewaltigen Menschenschlange pilgert und hier und da fast allein ist, wirkt dieser Ort wie eine Welt für sich. Im Schrein selbst gibt es Hunderte von Steinfüchsen zu entdecken. Das Tier gilt als Bote von Inari, dem Gott der Reisernte, und die Füchse selbst werden auch oft als Inari bezeichnet. Der Schlüssel, den manche Füchse in der Schnauze tragen, öffnet die Tür der Reiskammer. Die Japaner betrachten den Fuchs als heiliges und zugleich mysteriöses Tier, das die Fähigkeit besitzt, in Menschen hineinzuschlüpfen und sie zu beherrschen.
Nach knapp drei Stunden hatten wir das Gebiet fertig erkundet. Im Tal angekommen, bekämpften wir noch schnell unseren gröbsten Hunger an den diversen Essensständen, ehe wir uns erneut mit der Bahn zum Kiyomizu-dera aufmachten, einem der beliebtesten Tempel in Kyoto, von dem aus man auch einen tollen Blick auf die Stadt hat. Von der Bahnstation sind es lediglich ein paar Gehminuten bis zur Tempelanlage. Der Kiyomizu-dera ist vor allem für seine großartige Lage bekannt, denn wie ein Bienenstock thront er hoch oben auf einem Hügel. Leider, und das wussten wir vorher nicht, befand er sich gerade in Restaurierung, weshalb er zumindest von außen nicht wirklich etwas hergab. Dennoch genossen wir den abendlichen Blick über die Stadt sowie den Rest der hübschen Anlage.
Kiyomizu-dera Tempelanlage 1

Kiyomizu-dera Tempelanlage 2
Sonnenuntergangsstimmung am Heimweg
Mit der untergehenden Sonne stieg auch wieder der Hunger in uns empor. Auch erste Anzeichen von Müdigkeit machten sich breit, da wir doch noch sehr viel in diesen Tag hineingequetscht hatten und recht viel gegangen waren. Also fuhren wir zurück zum Hotel und bezogen erstmal unser Zimmer, in dem wir feststellten, dass es nur für zwei Personen hergerichtet war. Zum Glück hatten sie auf das dritte Bett einfach nur vergessen und gestalteten das Zimmer während unseres Sushi-Abendessens am Bahnhof so um, dass wir uns nicht in zwei Betten zusammenkuscheln mussten …
Unser erster Halbtag in Kyoto hat uns bereits gezeigt, was uns im Laufe der nächsten Tage erwarten wird. Viel eindrucksvolle Kultur, schöne Gärten und massenweise Touristen. Wie es scheint, kommt das eine ohne das andere nicht aus. Wir sind trotzdem sehr gespannt.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • In Kyoto gibt es 17 UNESCO-Weltkulturerbestätten, 1.600 buddhistische Tempel und 400 Shinto-Schreine.
  • In Kyoto gibt es jedoch nicht nur viele Tempel und Schreine, sondern auch sieben von einander unabhängige Bahngesellschaften. Das macht das Vorankommen im öffentlichen Verkehr nicht gerade einfacher, da die Zeit für das Umsteigen sehr knapp bemessen sein kann und man in der Regel auch noch neue Tickets kaufen muss …
  • Kyoto steckt voller Kultur. Das liegt vor allem auch daran, dass die Stadt während des Zweiten Weltkriegs weitgehend von den Bombardements der Amerikaner verschont geblieben ist. Dabei wurde sie sogar als mögliches Ziel für den Abwurf der ersten Atombombe gehandelt.
  • In Japan gibt es insgesamt um die 77.000 buddhistischen Tempel und 81.000 Schreine.

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