Sonntag, 17. März 2019

Kyoto Tag 2

Weil man von der schieren Masse an Sehenswürdigkeiten in Kyoto fast erschlagen wird und viele der interessantesten Tempel und Schreine weit voneinander entfernt liegen, entscheidet man sich am besten für einen Bereich und plant dort eine möglichst gute Route, um nicht den halben Tag in Bussen, Taxis oder Zügen zu verbringen. So entschieden wir uns für Arashiyama & Sagano am Fuß der Berge westlich von Kyoto, denn dieses Gebiet bietet nach Higashiyama im Osten die größte Dichte an Sehenswürdigkeiten.
Regenschauer hielten uns davor ab, ganz früh zu starten, auch weil die bisher immer sehr verlässlichen Wettervoraussagen im Laufe des Vormittags besseres Wetter versprachen. Demnach starteten wir kurz vor 10 Uhr mit dem Zug vom nahe gelegenen Bahnhof Kyoto nach Arashiyama. Bei dieser Tour, die nahezu den ganzen Tag in Anspruch nehmen sollte, standen mehrere Tempel, Schreine, Gärten und mehr auf dem Programm. Im vollgestopften Zug – noch dazu war auch Samstag – befürchteten wir schon das Schlimmste in Sachen Touristenlawinen. Allerdings sollten wir positiv überrascht werden, denn als wir uns zu Fuß zu unserem ersten Ziel, dem Daikaku-ji, begaben, fanden wir uns schnell ganz allein in einem edlen Wohnviertel mit hübschen kleineren und größeren, von Gärten umschlossenen Anwesen wieder. Wir dachten zuerst, die meisten Touristen wären einfach mit dem Bus weiter zum Schrein gefahren, doch auch den Daikaku-ji selbst teilten wir uns nur mit ein paar vereinzelten Besuchern – eine durchaus erfreuliche und willkommene Abwechslung in Kyoto. Wir verstanden dabei aber nicht wirklich, warum das der Fall war. Der Schrein mag zwar nicht einer der gewaltigsten und beeindruckendsten der Stadt sein, dennoch fehlte es ihm an nichts. Die Bauwerke selbst standen denen anderer Schreine in nichts nach, und ein hübsch angelegter, netter Garten im Innenbereich der Anlage sowie ein großer Teich außerhalb komplettierten das Gesamtbild.
Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 1

Buddha-Statue im Tempel

Garten im Innenbereich des Daikaku-ji 2

Teich außerhalb des Daikaku-ji
Aber wir kamen vor allem zu dem Entschluss, dass die Ruhe aufgrund der wenigen Besucher ausschlaggebend war, dass uns dieser Schrein so sehr zu gefallen wusste, denn gerade diese Ruhe verleiht den Schreinen etwas Magisches.
Höchsterfreut und positiv überrascht setzten wir unseren Weg zum buddhistischen Tempel Gio-ji fort, der nur weitere 20 Fußminuten entfernt lag. Der Gio-ji, und andere Tempel sind mit einer wunderschönen, traditionellen japanischen Straße verbunden, die links und rechts von netten Teehäusern, kleinen Restaurants und Wohnhäusern mit Gärten gesäumt ist. Die Hauptattraktion des winzigen Tempels, der versteckt am Fuße eines bewaldeten Berghangs liegt, ist der üppige Moosgarten vor der reetgedeckten Halle des Tempels selbst. Auch hier genossen wir weiterhin angenehme Ruhe. 
Gio-ji
Am Weg zum Tempel hatten wir bereits ein nettes Ramen-Restaurant erspäht, das wir am Weg zurück hungrig aufsuchten. Da wir hier die einzigen Gäste waren, befürchteten wir schon, einen Fehler begangen zu haben, doch der allein arbeitende Betreiber und Koch, ein alter, freundlicher Japaner, zauberte uns ein vorzügliches Mittagsmahl, das uns die nötige Kraft für weitere kulturelle Weiterbildung verlieh.
Wieder nur ein paar Minuten die besagt Straße hinauf erreichten wir den Adashino Nenbutsu-ji, einen recht ungewöhnlichen Tempel, auf dessen Gelände die sterblichen Überreste mittelloser Menschen bestattet wurden, die keine näheren Verwandten hatten. Mehrere tausend dicht an dicht stehende Steinbildnisse zeugen davon. Dieser Tempel ist zwar nichts, was man unbedingt gesehen haben muss, dennoch unterschied er sich stark von den bisher gesehenen, weshalb sich der kurze Abstecher auf jeden Fall lohnte. 
Adashino Nenbutsu-ji Friedhof
Wir folgten nun der Straße wieder abwärts, erneut vorbei am Gion-ji, und machten als Nächstes beim Nison-in Halt. Dieser auch eher überschaubar große Tempel wurde im 9. Jahrhundert erbaut und wartet vor allem mit eigentümlichen Friedhöfen an bewaldeten Berghängen sowie zwei wichtigen Buddha-Statuen auf. Er gefiel uns aber von den heute besichtigten am wenigsten. 
Nison-in
Dazwischen ein kurzes Touristen-Update: Immer noch sehr ruhig. Der Weg Richtung Süden führte uns als Nächstes zum Jojakko-ji, einem Tempel, der auf einem moosigen Hügel thront und neben den im November errötenden Ahornbäumen auch für das Nio-mor-Tor mit seinem Reetdach berühmt ist. Etliche Treppen führen durch die Anlage den Hügel hinauf und oben angekommen wird man mit einem grandiosen Ausblick über den Tempel und Kyoto belohnt. Kurz zeigte sich uns sogar ein hübscher Regenbogen über den Hügeln im Nordwesten. Hier herrschte zwar schon wieder etwas mehr Andrang als in den vorhergehenden Tempeln, aber trotzdem war die Lage noch sehr überschaubar. Der Jojakko-ji hatte es damit definitiv in unsere Top-3-Tempel geschafft.
Blick Richtung Kyoto mit Jojakko-ji 
Martin, Gianni, Philipp
Zufrieden verließen wir die Anlage und spazierten weiter südwärts, bis wir bei der in den Reiseführern größten Attraktion der Gegend angekommen waren: dem Arashiyama-Bambushain. Schon am Weg dorthin bemerkten wir, dass er wohl nicht nur in unseren Reiseführern angepriesen wurde, denn wie einer beginnenden Ameisenstraße näherten wir uns anscheinend dem Nest in Form des Hains. Beim Hain angekommen, der mehr oder weniger „nur“ ein kurzer Weg durch einen Bambuswald ist, türmten sich die Menschen. So warfen wir erstmal nur einen ersten Blick auf den Hain und bogen zum Okochi Sanso, einem großzügigen Anwesen gleich um die Ecke, ab. Dank des recht teuren Eintritts konnten wir hier den Massen ein wenig entgehen und die Ruhe dieses wunderschönen Gartens genießen. Bevor wir den kurzen Rundweg auf uns nahmen, schlürften wir beim Eingang einen eigenartig cremigen Grünen Tee mit noch eigenartigerem Grüntee-Biskuit. 
Gianni, Martin

Garten Okochi Sanso
Der Garten gilt nicht umsonst als einer der reizvollsten Kyotos, denn neben den vielen blühenden Büschen und Bäumen, die von verwunschenen Pfaden umschlungen werden, tut sich einem auch eine sagenhafte Aussicht nach Osten über die Stadt auf. Ein echtes Highlight Arashiyamas! Dagegen enttäuschte der Bambushain, in dem wir uns daraufhin durch die unzähligen Touristen kämpften, die offensichtlich alle versuchten, dort ihr perfektes Instagram- oder Facebook-Selfie zu schießen, sogar ein wenig. Blendet man die Massen aus, hat der Hain schon etwas für sich, denn die dicken, grünen Bambusrohre scheinen sich unendlich in alle Richtungen zu strecken und das hereinfallende Licht hat etwas ganz Seltsames. 
Arashiyama-Bambushain
Nichtsdestotrotz verließen wir den Hain etwas unbeeindruckt in Richtung unseres letzten Ziels, dem Tempel Tenryu-ji. Dort angekommen mussten wir allerdings feststellen, dass wir gerade um ein paar Minuten zu spät gekommen waren, denn sie schlossen quasi vor uns seine Pforten. Das war unserer Unerfahrenheit in Sachen Tempelbesichtigung geschuldet, von nun an werden wir die Öffnungszeiten genauer im Blick behalten, um nicht noch einmal vor verschlossenen Toren zu enden.
Tenryu-ji
Da es ohnehin schon dämmerte und wir in Summe doch schon weit gegangen waren, beschlossen wir, mit dem nächsten Zug zu unserem Hotel zurückzukehren, wo wir uns noch kurz entspannten und ein Lokal für unser Abendessen auswählten. Die Entscheidung fiel auf ein nicht weit entferntes Yakiniku-Lokal. Hier befindet sich eine in die Mitte des Tisches eingelassene Grillgrube mit Rost, auf den man nach Belieben Fleisch und Gemüse grillen kann. Aus akuter Angst vor dem Verhungern bestellten wir wie so oft viel zu viel. Das Ganze war zwar ein bisschen ein Tohuwabohu, allerdings schmeckte vor allem das selbstgegrillte Fleisch vorzüglich. Müde und angegessen trugen uns unsere Beine nur noch zurück in unser Hotel, wo ein eindrucksvoller Tag zu Ende ging.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Kyoto ist mit ungefähr 50 Millionen Touristen im Jahr eine der am meisten besuchten Städte der Welt. Die Touristen kommen zwar aus aller Welt, viele von ihnen sind aber auch Japaner. Sie kommen vor allem im Frühjahr während der Kirschblüte und im Herbst wegen der Blätterfärbung der Ahornbäume nach Kyoto.
  • Das Vorankommen in Kyoto ist nicht immer ganz einfach, weshalb in vielen Reiseführern auch empfohlen wird, die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden. Man sollte sein Fahrrad aber nicht irgendwo abstellen, dafür gibt es nämlich eigene Fahrradparkplätze. Diese sind jedoch kostenpflichtig. Dafür haben die meisten Fahrräder Regenschirmhalterungen.
  • Und wo wir gerade bei Regenschirmen sind: Wenn es regnet, gibt es vor sämtlichen Läden, Restaurants, Hotels usw. eigene Plastiksackspender, um den Regenschirm einzupacken und nichts nass zu machen.
  • Die Japaner scheinen Plastik ohnehin zu lieben. Neben den Plastiksäcken für Regenschirme bekommt man vor Tempeln und Schreinen auch Plastiksäcke für die eigenen Schuhe, da man diese vor dem Betreten ausziehen muss.


Freitag, 15. März 2019

Osaka Tag 2 & 3 - Kyoto Tag 1

Ganz nach Plan starteten wir stressfrei in unseren zweiten Tag in Osaka, weshalb wir unser Hotel erst gegen halb 12 zu Mittag verließen und uns erstmal auf Nahrungssuche begaben. Gianni schlug kurzerhand Sushi am Fischmarkt vor, was bei Martin und mir natürlich großen Anklang fand. So war mit dem Kuromon-ichiba-Fischmarkt im Stadtviertel Namba schnell unser erstes Ziel ausgemacht.
Wie fast immer in Japans Großstädten ist man auch in Osaka mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schnell am Ziel. Der Fischmarkt ist mehr oder weniger eine große Markthalle, durch die zwei lange, sich kreuzende Gassen verlaufen, an denen links und rechts allerlei Meeresgetier feilgeboten wird.
Kuromon-ichiba-Fischmarkt
Wir bummelten zuerst eine Weile, bis der Hunger schließlich so groß war, dass wir uns in eines der vielen kleinen Lokale setzten. Wie schon am Tokioter Fischmarkt war auch hier das Sushi ein wahrer Genuss. Es wird wohl eines der Dinge bleiben, die wir zu Hause am meisten vermissen werden …
Nun, da der Hunger beseitigt war, hatten wir wieder genug Kräfte, um uns noch auf ein wenig Sightseeing zu begeben. Unweit des Fischmarkts liegt das kleine, aber interessante Viertel Shin-Sekai („neue Welt“). In diesem Amüsierviertel trifft Heruntergekommenes auf Retro. Mittendrin steht der 103 m hohe Stahlturm Tsuten-kaku. 
Shin-Sekai mit Turm Tsuten-kaku
Obgleich sich hier immer noch etliche Touristen tummelten, war bei Weitem nicht so viel los, wie in Dotombori oder Amerika-Mura. So wurde es für uns ein kurzer Verdauungsbummel vorbei an Spielhallen, heruntergekommenen Theatern und diversen anderen Touristenunterhaltungen. Um die ältere Kultur Osakas nicht ganz zu vernachlässigen, wählten wir als unser nächstes und letztes Sightseeing-Ziel für den Tag den etwas am südlichen Rand der Stadt gelegenen Sumiyoshi-Taisha-Schrein aus. Auf dem Weg dorthin passierte es uns doch tatsächlich zum ersten Mal auf dieser Reise, in den falschen Zug einzusteigen, denn es gab auf derselben Route eine Express-Bahn und eine regionale (was wir allerdings erst im Nachhinein bemerkten, als wir schon in der Express-Bahn saßen, die bei unserer Station nicht Halt machte). Alles aber nicht weiter schlimm, so mussten wir eben wieder aussteigen und mit dem nächsten Regionalzug zurückfahren.
Nach unserer kleinen Ehrenrunde erreichten wir aber schließlich doch unser gewünschtes Ziel, den Sumiyoshi Taisha. Er war insofern auch eine willkommene Abwechslung, weil sich hier nicht so viele Touristen herumtrieben, wie an den meisten anderen Hotspots. 
Sumiyoshi-Taisha-Schrein
Rote Brücke zum Sumiyoshi-Taisha-Schrein
Vielleicht sind sie alle in den falschen Zug gestiegen … Der Schrein ist den Shinto-Gottheiten des Meeres und der Seereisen gewidmet. Er gilt als eine Art Hauptwohnsitz aller japanischen Sumiyoshi-Schreine. Die heutigen Bauwerke sind getreue Nachbildungen der antiken Originale. Durch die Anlage fließt ein von Bäumen und Laternen gesäumtes Gewässer, über das eine leuchtend orange Trommelbrücke führt. Die Größe der Anlage ist recht überschaubar, dennoch lohnte sich definitiv ein Besuch.
Danach fuhren wir wieder zurück zum Hotel, heute etwas früher als gewöhnlich, da wir uns noch das Nachtleben Osakas zu Gemüte führen wollten. Für den folgenden letzten Tag in Osaka hatten wir uns ohnehin nichts Fixes vorgenommen, weil wir auch nicht wussten, wie sehr der Fortgehabend eskalieren würde. Und das tat er, zumindest was die Mengen Bier und Gin Tonic betraf. Spätnachts ist zwar nichts mehr von den Menschenmassen zu sehen, die sich unter Tags hier türmen, dennoch gibt es das eine oder andere Lokal, in dem auch an einem Mittwoch noch ein bisschen was los ist. Nach unzähligen alkoholischen Erfrischungsgetränken fanden wir uns irgendwann in den Morgenstunden in einem Taxi zu unserem Hotel wieder und fielen leicht angeheitert in unsere Betten.
Unser letzter Ganztag in Osaka ist somit schnell zusammengefasst: Hotelzimmer – Essen und Kaffee ums Eck – Hotelzimmer. Auch wenn die Nachwehen des Vorabends nicht sehr angenehm waren, tat es doch auch mal ganz gut, einen Tag lang nichts zu unternehmen. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass wir in den kommenden fünf Tagen in Kyoto jeden Tag volles Programm haben werden.
Der „freie“ Ausnüchterungs- und Relax-Tag verlieh uns wieder die nötige Kraft, um am nächsten Tag unseren Weg nach Kyoto, dem Inbegriff von Japan, fortzusetzen. So verließen wir das interessante Osaka, das im Vergleich zu den anderen japanischen Großstädten, die wir bisher besucht hatten, irgendwie aus der Reihe zu tanzen schien. Die Stadt war zwar nicht besonders schön, versprühte mit ihren lebhaften Vierteln aber dennoch ein ganz eigenes Flair. Die Zugfahrt nach Kyoto dauerte nicht einmal 20 Minuten und so waren wir bereits am späten Vormittag in Japans Kulturmekka. Unser Hotel hatten wir praktischerweise wieder direkt am Bahnhof gebucht, also konnte wir noch schnell unser Gepäck abgeben, ehe wir uns auf eine erste Erkundungstour begaben. Hier in Kyoto gibt es all die Dinge, die man mit dem Land der aufgehenden Sonne verbindet: antike Tempel, farbenprächtige Schreine und elegante Gärten. Die Stadt ist eine Art Schatztruhe der Traditionen Japans, nicht nur deshalb pilgern hier auch viele Einheimische her, wenn sie etwas darüber erfahren wollen.
Wir merkten schnell, dass es ein kleiner Fehler war, uns noch kein genaueres Programm für hier überlegt zu haben, denn die schiere Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen fast. Da wir aber gerade wunderschönes Wetter hatten und die folgenden Tage nicht ganz einwandfrei angesagt waren, mussten wir uns schnell für ein erstes Ziel entscheiden. Und so wählten wir den im Norden der Stadt etwas abseits gelegenen Kinkaku-ji, Kyotos berühmten „Goldenen Pavillon“, der vor allem bei Schönwetter ein hübsches Fotomotiv abgibt. Mit der Schnellbahn ging es nordwärts bis etwa zwei Kilometer vor das Tempelgelände. Wir standen vor der Wahl, entweder in den Bus zu steigen oder den Weg zu Fuß zurückzulegen. Da wir gestern nur die notwendigsten Bewegungen ausgeführt hatten, entschieden wir uns für Zweiteres. Der Weg durch kleine Seitengassen ließ noch nicht vermuten, wie viel sich beim Kinkaku-ji abspielen sollte, denn beim Tempel angekommen wimmelte es wieder wie aus dem Nichts von Touristen – wohl eine Tatsache, mit der wir uns in den nächsten Tagen abfinden müssen. Dennoch zahlte sich der Spaziergang durch den schönen Tempelgarten vorbei am ganz mit Blattgold bedeckten Pavillon wirklich aus. Zum Schluss gönnten wir uns noch ein eigenartig, aber nicht schlecht schmeckendes Matcha-Eis.
Moosbedeckter Waldboden am Weg zum Kinkaku-ji

Kinkaku-ji
Da der Nachmittag weiterhin strahlenden Sonnenschein versprach, machten wir uns kurzerhand mit Bus und Bahn zu einer der nächsten ganz großen Sehenswürdigkeiten Kyotos auf: dem Fushimi Inari-Taisha. Auch dort erwarteten uns vor allem im Eingangsbereich unzählige Menschen. Der Komplex erstreckt sich über die bewaldeten Hänge des Inari-yama, an denen sich scheinbar endlose Arkaden aus zinnoberroten Schreintoren hinaufwinden. Der Pfad auf den Gipfel erstreckt sich über vier Kilometer, während derer man stets unter den Schreintoren wandert. Zu unserer Freude gingen die anfänglichen Touristenschwärme gefühlt mit jedem Höhenmeter zurück, was das Gesamterlebnis des Schreins wesentlich aufwertete. 
Menschenmassen beim Fushimi Inari-Taisha

Zinnoberrote Schreintore 1

Zinnoberrote Schreintore 2
Wenn man nicht gerade als Teil einer gewaltigen Menschenschlange pilgert und hier und da fast allein ist, wirkt dieser Ort wie eine Welt für sich. Im Schrein selbst gibt es Hunderte von Steinfüchsen zu entdecken. Das Tier gilt als Bote von Inari, dem Gott der Reisernte, und die Füchse selbst werden auch oft als Inari bezeichnet. Der Schlüssel, den manche Füchse in der Schnauze tragen, öffnet die Tür der Reiskammer. Die Japaner betrachten den Fuchs als heiliges und zugleich mysteriöses Tier, das die Fähigkeit besitzt, in Menschen hineinzuschlüpfen und sie zu beherrschen.
Nach knapp drei Stunden hatten wir das Gebiet fertig erkundet. Im Tal angekommen, bekämpften wir noch schnell unseren gröbsten Hunger an den diversen Essensständen, ehe wir uns erneut mit der Bahn zum Kiyomizu-dera aufmachten, einem der beliebtesten Tempel in Kyoto, von dem aus man auch einen tollen Blick auf die Stadt hat. Von der Bahnstation sind es lediglich ein paar Gehminuten bis zur Tempelanlage. Der Kiyomizu-dera ist vor allem für seine großartige Lage bekannt, denn wie ein Bienenstock thront er hoch oben auf einem Hügel. Leider, und das wussten wir vorher nicht, befand er sich gerade in Restaurierung, weshalb er zumindest von außen nicht wirklich etwas hergab. Dennoch genossen wir den abendlichen Blick über die Stadt sowie den Rest der hübschen Anlage.
Kiyomizu-dera Tempelanlage 1

Kiyomizu-dera Tempelanlage 2
Sonnenuntergangsstimmung am Heimweg
Mit der untergehenden Sonne stieg auch wieder der Hunger in uns empor. Auch erste Anzeichen von Müdigkeit machten sich breit, da wir doch noch sehr viel in diesen Tag hineingequetscht hatten und recht viel gegangen waren. Also fuhren wir zurück zum Hotel und bezogen erstmal unser Zimmer, in dem wir feststellten, dass es nur für zwei Personen hergerichtet war. Zum Glück hatten sie auf das dritte Bett einfach nur vergessen und gestalteten das Zimmer während unseres Sushi-Abendessens am Bahnhof so um, dass wir uns nicht in zwei Betten zusammenkuscheln mussten …
Unser erster Halbtag in Kyoto hat uns bereits gezeigt, was uns im Laufe der nächsten Tage erwarten wird. Viel eindrucksvolle Kultur, schöne Gärten und massenweise Touristen. Wie es scheint, kommt das eine ohne das andere nicht aus. Wir sind trotzdem sehr gespannt.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • In Kyoto gibt es 17 UNESCO-Weltkulturerbestätten, 1.600 buddhistische Tempel und 400 Shinto-Schreine.
  • In Kyoto gibt es jedoch nicht nur viele Tempel und Schreine, sondern auch sieben von einander unabhängige Bahngesellschaften. Das macht das Vorankommen im öffentlichen Verkehr nicht gerade einfacher, da die Zeit für das Umsteigen sehr knapp bemessen sein kann und man in der Regel auch noch neue Tickets kaufen muss …
  • Kyoto steckt voller Kultur. Das liegt vor allem auch daran, dass die Stadt während des Zweiten Weltkriegs weitgehend von den Bombardements der Amerikaner verschont geblieben ist. Dabei wurde sie sogar als mögliches Ziel für den Abwurf der ersten Atombombe gehandelt.
  • In Japan gibt es insgesamt um die 77.000 buddhistischen Tempel und 81.000 Schreine.

Mittwoch, 13. März 2019

Hiroshima - Himeji - Osaka Tag 1

Da es am Vorabend doch etwas später geworden war, reizten wir die Check-Out-Zeit unseres Hotelzimmers bis zur letzten Minute aus und brachen daraufhin mit neuer Kraft zum Bahnhof von Hiroshima auf. Das heutige Ziel lautete Osaka, Japans drittgrößte Stadt nach Tokio und Yokohama. Doch zuvor hatten wir noch einen mehrstündigen Zwischenstopp im auf der Strecke liegenden Himeji eingeplant. Über diese vergleichsweise ruhige Stadt erhebt sich nämlich die Himeji-jo, die als Japans schönste und prächtigste Burg gilt.
Hiroshima - Himeji - Osaka
Die Fahrt von Hiroshima dauerte nicht mal eine Stunde, was hinsichtlich der bequemen Shinkansen-Sitze fast schaden ist. Am Bahnhof Himeji reservierten wir zuerst unsere Sitzplätze für die Weiterfahrt nach Osaka in vier Stunden. So hatten wir also genug Zeit, um die Burg und ihre nähere Umgebung zu erkunden. Das Gepäck verstauten wir am Bahnhof, was hier äußerst schnell und einfach geht, um unseren Weg zur Burg zu Fuß fortzusetzen. Der Bahnhof ist direkt in einer Linie zur Burg erbaut worden und so sieht man in gut ein bis zwei Kilometern Entfernung am Ende einer breiten Straße schon das gewaltige Bauwerk aufragen, wenn man dem Bahnhof entsteigt.
Himeji-jo am Ende der Straße
Die Himeji-jo gehört zu den wenigen im Original erhaltenen Burgen des Landes (die meisten sind moderne Nachbauten aus Beton). Aufgrund ihrer weiß schimmernden Fassade wird sie auch Shirasagi-jo („Burg des Weißen Reihers“) genannt. Die Burg verfügt über einen fünfstöckigen Turm und drei kleinere Außentürme. 
Himeji-jo


Philipp, Gianni, Martin
Das gesamte Gelände ist von Gräben und Verteidigungsmauern umgeben, in die viele rechteckige, runde und dreieckige Öffnungen eingefügt sind – durch diese wurden Gewehre abgefeuert und Pfeile geschossen.
In das Gemäuer des Hauptturms sind Ishiotoshi eingelassen – schmale Öffnungen, durch die die Verteidiger heißes Wasser oder Öl auf die Feinde schütten konnten, um sie am Hochklettern zu hindern, wenn die anderen Verteidigungsanlagen bereits bezwungen waren. In Anbetracht solcher Maßnahmen zahlten wir lieber den erforderlichen Eintritt, um die Burg auf legalem Weg zu betreten. Wir machten uns auf die etwa eineinhalbstündige, mit Pfeilen ausgeschilderte Rundtour, die uns durch die diversen Burghöfe und Gebäude führte, wobei vor allem der fünfstöckige Hauptturm auch von innen zu begeistern wusste. Da es sich hierbei für die meisten Touristen um einen Fixstopp handelt, waren auch dementsprechend viele Menschen unterwegs, aber überlaufen war es dennoch nicht.
Da uns nach unserer Burgtour noch etwas Zeit blieb, bis wir unseren Zug nach Osaka erwischen mussten, stattet wir noch dem außerhalb der Burgmauern gelegenen Koko-en, einer wunderschönen Gartenanlage, einen Besuch ab. Die verschiedenen kleinen Gärten warteten mit unterschiedlichen Kombinationen aus Wasserfällen, Koiteichen, makellos gestutzten Bäumen, Bambus und schon teilweise blühenden Sträuchern auf. Hier und da tat sich auch ein Blick auf die Burg auf, wodurch das herrliche Gesamtbild vollendet wurde. Am Ende dieser beiden Rundgänge war auch uns klar, warum dies einer der meistbesuchten Touristenpunkte des Landes ist.
Koko-en mit Blick auf die Burg 


Koko-en
Zufrieden konnten wir nun unseren Weg nach Osaka fortsetzen. Nach erneut gerade einmal 50 Minuten im Shinkansen trafen wir am Bahnhof von Osaka ein. Da es inzwischen schon nach 18 Uhr war und sich auch schon erste Anzeichen von Hunger auftaten, waren wir recht froh, herauszufinden, dass wir unser Hotel nur wenige Fußminuten vom Bahnhof entfernt gebucht hatten. Selbiges bezogen wir hurtigen Schrittes, um rasch den bereits auf dem Weg auserkorenen Inder ganz in der Nähe aufzusuchen, um unsere leeren Mägen zu füllen.
Da unser Hotel etwas abseits der pulsierenden Viertel liegt und wir nicht mehr die Muße hatten, uns an diesem Abend unter die Massen zu mischen, ging es nur noch in unser leider sehr enges Zimmer und ins Bett.
Da wir drei ganze Tage in Osaka sein werden und die Sehenswürdigkeiten der Stadt doch recht überschaubar sind, gingen wir auch den ersten Tag eher gemütlich an. So verließen wir unser Hotel erst am mittleren Vormittag und visierten als erstes Ziel das Umeda Sky Building an, von dem aus wir uns einen ersten Überblick über die Stadt aus der Vogelperspektive verschaffen wollten. Das 40-stöckige Hochhaus, das von der Times als eines der „Top 20 buildings around the world“ gelistet wurde, gleicht einem riesigen Triumphbogen der Moderne. Die beiden Zwillingstürme sind oben durch eine Aussichtsplattform verbunden, von dem aus sich uns ein atemberaubender Blick über die Stadt eröffnete. 
Umeda Sky Building 1

Umeda Sky Building 2

Blick vom Umeda Sky Building
Martin, Philipp, Gianni
Beim Hinunterfahren wird es anfangs auch recht abenteuerlich, denn die obersten fünf Etagen fährt man mit zwischen den Türmen mit einer Rolltreppe durch einen durchsichtigen Schacht. Nach diesen Erfahrungen in luftigen Höhen suchten wir uns in einem sogenannten Food Court im Keller der Bahnstation etwas Essbares, bevor es zum am Fluss O-kawa gelegenen Kemasakuranomiya Park weiterging. Der Park gab leider nicht besonders viel her, wir konnten uns aber recht gut vorstellen, dass es hier in einigen Wochen, wenn die Kirschblüte im vollen Gange ist, wesentlich schöner aussehen würde. Dennoch war es ganz nett, bei Sonnenschein dem Fluss entlang zu spazieren. 
Blick von einer Brücke des O-kawa
Am Südende des Parks hatten wir schließlich quasi unser nächstes Etappenziel, die Burg Osaka, erreicht. Im Gegensatz zur Himeji-jo ist die heutige Osaka-jo zwar eine Nachbildung aus Beton von 1931, dennoch bietet die Burg, die dramatisch über dem Park und Burggraben aufragt, ein beeindruckendes Bild. Erfreulicherweise mussten wir für den Eintritt in den Burgpark keinen Eintritt löhnen. Da wir erst gestern mit Himeji-jo die Mutter aller Burgen Japans betreten und bestiegen hatten, ließen wir davon ab, dies bei der Osaka-jo zu wiederholen. So schlenderten wir also nur durch den hübschen Park und genossen die Blicke auf die prächtige Burg, die aber wie erwartet nicht ganz mit Ihrer großen Schwester in Himeji mithalten konnte.
Osaka-jo
Am Abend widmeten wir uns schließlich der eigentlichen Attraktion Osakas, denn das sind nicht die einzelnen Sehenswürdigkeiten, sondern sein turbulentes Straßenleben in den Arkaden, Märkten und Gassen, das man vor allem in den nebeneinander liegenden Vierteln Amerika-Mura, Shinsaibashi und allen voran Dotombori erleben kann. Wir starteten unseren Rundgang in der kleinen Enklave Amerika-Mura (Amerikanisches Dorf, auch Ame-Mura genannt). Hier finden sich jede Menge hippe, unkonventionelle Läden vor allem für ein junges Publikum, Cafés, Bars, Tätowierstudios und Piercing-Salons. Vorbei an Horden japanischer Teenies, die den – zumindest in Japan – letzten Schrei in puncto Kleider und Frisuren tragen. Hier fühlt man sich wirklich in eine andere Welt versetzt, in der alle kuriosen Dinge, die man über Japan und ihre Bewohner so gehört hat, übertroffen werden.
Amerika-Mura
Obwohl wir dachten, hier wäre schon die Hölle los, wurden wir eines Besseren belehrt, als wir das Viertel Dotombori betraten. Was sich hier entlang der überdachten Marktstraßen und rund um den Dotombori-gawa-Kanal abspielt, sucht seinesgleichen. Wir waren zwar alle schon in einigen Großstädten dieser Welt, aber die Massen, auf die man hier trifft, stellen alles in den Schatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir an einem gewöhnlichen Dienstagabend unterwegs waren. Zentrum des Viertels ist die Brücke Ebisu-bashi, von der aus man in beide Richtungen des Flusses die unzähligen Leuchtreklamen bestaunen kann, die das Viertel zieren. 
Blick Richtung Norden von der Brücke Ebisu-bashi
Südlich und parallel zum Kanal verläuft die Dotombori-Straße, eine Fußgängerzone, in der Dutzende Restaurants und Theater mit auffälligen Neonschildern um Aufmerksamkeit werben. 
Dotombori-Straße
Das Lustige ist jedoch, dass man den Massen aus Einheimischen und Touristen sofort entflieht, sobald man sich nur ein oder zwei Seitengassen entfernt. Dies nutzten wir, um uns ein etwas stilleres Restaurant fürs Abendessen auszusuchen. Wir entschieden uns erstmal für die japanische Spezialität Shabu-shabu. Das Gericht besteht aus dünnen Scheiben Rind- oder Schweinefleisch und Gemüse, das unter Rühren in einer leichten Brühe in einem Topf direkt auf dem Tisch selbst gekocht und dann in verschiedene Soßen getaucht wird. Das Ganze ist zwar ein lustiges Erlebnis, schmeckt aber im Grunde recht langweilig. Wir waren zwar nicht enttäuscht, vom Hocker gehauen hat es uns aber auch nicht. Definitiv keine ernstzunehmende Konkurrenz für das nach wie vor auf Platz 1 rangierende Sushi (insbesondere vom Thunfisch).
Nach dem Essen genehmigten wir uns noch ein Bier in einer Rockbar in Amerika-Mura, bevor wir uns wieder mit der U-Bahn zum Hotel begaben, wo wir doch wieder recht erschöpft ins Bett fielen, obwohl wir den Tag ja ruhigen hatten angehen wollen. Nun ja, einen Großteil der Sehenswürdigkeiten und Attraktionen hatten wir ja nun gesehen, vielleicht können wir uns in den kommenden zwei Osaka-Tagen etwas entspannen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Die Burg von Himeji wir auch "Burg des weißen Reihers" genannt. Das liegt daran, dass der Hauptturm der Burg zusammen mit den weißen Mauern von oben wie ein weißer Reiher im Flug aussieht (mit etwas Fantasie).
  • Die Burg von Himeji hat von außen den Anschein als hätte sie fünf Stockwerke (wenn man die Dächer zählt), im Inneren verbergen sich jedoch tatsächlich sieben Stockwerke.
  • Die Tenjinbashisuji Shotengai in Osaka ist dafür bekannt, die längste Einkaufsstraße Japans zu sein. Sie ist stolze 2,6 km lang und bietet ungefähr 600 Läden Platz.
  • Im unterirdischen Einkaufszentrum im Bezirk Umeda wurden in die Wände Fossilien aus dem Jura und der Kreidezeit eingearbeitet. Wenn man genau hinsieht, kann man sie sehen und zählen (wir haben es leider nicht getan ...).

Montag, 11. März 2019

Fukuoka - Hiroshima (Miyajima)

Heute sollte einer der bisher schönsten, aber auch anstrengenderen Reisetage bevorstehen. Den bisherigen Schrittrekord hatten wir mit knapp 30.000 zumindest laut Martins Smart-Watch nachweislich aufgestellt. Ursprünglich hatten wir geplant, von Fukuoka nach Hiroshima zu fahren und zuerst dort einen ganzen Tag zu verbringen, ehe wir uns am nächsten Tag zur Insel Miyajima, einen von Japans meistbesuchten Touristenmagneten, aufmachen wollten.
Fukuoka - Hiroshima
Doch aufgrund der bisher sehr verlässlichen Wettervorhersage mussten wir ein wenig umdisponieren, da heute den ganzen Tag traumhafter Sonnenschein und morgen Dauerregen angesagt waren. Da lag es natürlich nahe, gleich heute nach Miyajima zu fahren und den Regentag eher in Hiroshima zu verbringen. Um aber auch in Hiroshima ein paar essenzielle Sehenswürdigkeiten bei Schönwetter mitzunehmen, planten wir einen guten Teil des Vormittags für selbige ein, ehe wir uns auf die 25-minütige Zugfahrt nach Miyajima begaben (ein Dank gilt an dieser Stelle auch Julian, der uns im Speziellen diese Vorgehensweise ans Herz legte – er war vor einigen Jahren mit Eva bereits selbst hier – uns aber auch sonst bei der Reiseplanung stets mit Rat und Tat zur Seite stand und steht).
So hieß es um 5:15 Uhr raus aus den Federn, um den Shinkansen nach Hiroshima um 6:15 Uhr zu erwischen. Die Sonne ging zwar erst auf, doch Wölkchen konnten wir kein einziges am Himmel erkennen, unser Plan schien also aufzugehen. Die Fahrt nach Hiroshima dauerte gut eineinhalb Stunden und verlief wie gewohnt unkompliziert. Am Bahnhof von Hiroshima sprangen wir gleich in die Straßenbahn, die uns zu unserem den Friedenspark überblickenden Hotel brachte. Das Zimmer konnten wir natürlich noch nicht beziehen, war es doch noch nicht einmal 9 Uhr, also gaben wir nur unsere Koffer ab und packten das Notwendigste für den Tag in einen Rucksack.
Wir hatten uns bereits vorab eine Route festgelegt, die uns bis zum späten Vormittag wieder zum Bahnhof zurückführen sollte. Diese startete quasi vor unserer Hotelhaustür beim Friedenspark. Viele assoziieren Hiroshima nur mit einem Ereignis: dem weltweit ersten Atombombenangriff am 6. August 1945. Der Friedenspark der Stadt dient als konstantes Mahnmal für diesen Tag und zieht nicht nur uns, sondern Besucher aus der ganzen Welt an. Inzwischen ist die grüne Metropole mit ihrem entspannt-freundlichem Flair aber längst kein trauriger Ort mehr. Der Park ist von beiden Seiten von Flüssen gesäumt und ein großes, grünes Gelände, das von Spazierwegen durchzogen und mit Denkmälern gespickt ist. Zentrales Element ist der längliche, baumbestandene Friedensteich, der zum Kenotaph führt, einem geschwungenen Betonmonument, das die Namen aller bekannten Opfer der Atombombe enthält.
Kenotaph
Flamme des Friedens
Am Teich steht zudem die Flamme des Friedens, die brennen soll, bis alle Nuklearwaffen der Welt zerstört sind. Wir befürchten, dass wir das Erlöschen dieser Flamme in unserem Leben wohl nicht mehr miterleben werden, vor allem, wenn man sich die jüngsten weltpolitischen Entwicklungen ansieht. Blickt man durch das Kenotaph den Teich hinab, fällt auf, dass es die Flamme des Friedens und den Atombombendom auf der anderen Flussseite umrahmt. Der Park wurde so angelegt, dass diese Elemente eine gerade Linie bilden mit dem Friedensmuseum, das wir uns für den morgigen Regentag aufbehielten, am Südende. Im Norden des Parks erhebt sich das Kinderdenkmal. Die Idee dazu stammt von Sadako Sasaki, die beim Atombombenangriff zwei Jahre alt war. Als das elfjährige Mädchen von ihrer Leukämieerkrankung erfuhr, beschloss sie tausend Papierkraniche zu falten. In Japan symbolisiert der Kranich Glück und ein langes Leben. Sadako war überzeugt davon, gesund zu werden, wenn sie ihr Ziel erreichen würde. Sie starb, bevor sie ihr Vorhaben abschließen konnte, doch ihre Klassenkameraden führten es für sie zu Ende. 1958 wurde ihr zu Ehren dieses Denkmal errichtet.
Kinderdenkmal zu Ehren von Sadako Sasaki
Es gibt im Park noch viele weitere Denkmäler und Statuen, zudem laden zahlreiche Bänke, zum Beispiel am Ufer mit Blick auf den Atombombendom, zu einer Verschnaufpause und zum Innehalten ein. Ebendiesen besichtigten wir als Nächstes aus der Nähe. Er ist zweifellos das intensivste Mahnmal des zerstörerischen Angriffs. Die Bombe explodierte fast direkt über dem Gebäude und tötete alle Menschen, die sich dort aufhielten, doch das Bauwerk selbst zählt zu den wenigen in der Nähe des Epizentrums, von denen noch etwas übrigblieb. Nach dem Krieg wurde entschieden, dass die Gebäudehülle als Gedenkstätte erhalten werden sollte und sie wurde 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Man vermag sich trotz dieses Mahnmals nicht vorzustellen, was sich hier vor 74 Jahren ereignet hat.
Atombombendom bei Tag

Atombombendom bei Nacht
Um zumindest wieder ein wenig auf andere Gedanken zu kommen, besuchten wir vor unserer Weiterfahrt nach Miyajima noch den kleinen, aber wunderschönen japanischen Garten namens Shukkei-en. Der Name bedeutet „zusammengezogener Blick“. Die nett angelegten Wege führten uns durch verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Aussichten um einen mit Inseln gespickten Teich. Die Anlage wurde beim Atombombenangriff zwar auch zerstört, doch der Park hat seit Langem wieder seine frühere Pracht zurückerlangt. Wir kürten ihn zum bisher schönsten, den wir bisher auf dieser Reise durchschritten hatten.
Shukkei-en 1

Shukkei-en 2
Inzwischen war es 11 Uhr geworden, deshalb gönnten wir uns nur noch einen kurzen Imbiss am Bahnhof, bevor wir in den Zug in Richtung Miyajimaguchi-Bahnhof fuhren, der nur einen kurzen Fußmarsch vom Hafen entfernt liegt, an dem die Fähre zur Insel ablegt. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten und kurz vor der Ankunft erblickt man das Monument, das Touristen anzieht wie Licht Insekten: das zinnoberrote Torii (Schreintor) des Itsukushima-jinja.
Torii des Itsukushima Schreins bei Flut
Konnten wir bisher den Touristenmassen noch recht gut entgehen, war das hier nicht mehr möglich. Ich bin zwar immer der Meinung, dass die schönsten Reiseerinnerungen eher an abgelegenen oder ruhigen Orten fernab der Touristen ihren Ursprung finden, dennoch ließen wir uns die Stimmung nicht vermiesen, schließlich hat es ja einen Grund, warum sich hier diese Massen versammeln. Ganz abgesehen davon sind wir Teil des „Problems“.
Itsukushima-jinja
Der Schrein zählt demnach zu den schönsten und meistfotografierten Motiven des Landes und gehört ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir erreichten die Szenerie bei Flut, bei der das Tor auf den Wellen zu treiben scheint. Davon abgesehen lockt Miyajima mit einigen Wanderwegen zum heiligen Berg Misen, Tempeln und frechen Rehen, die sich gänzlich an die Touristen gewöhnt haben und machen, was sie wollen, z. B. Unvorsichtigen Essen oder andere Gegenstände zu stibitzen und zu verzehren.
Reh auf Miyajima
Nach unserer Besichtigung der Umgebung suchten wir die Seilbahn auf, die auf den heiligen, friedvollen und von Primärwald bedeckten Misen hinaufführte. Wir ersparten uns dadurch den recht anstrengenden Aufstieg, wollten den Berg aber zumindest zu Fuß hinabwandern. Oben angekommen tut sich bereits ein wundervoller Blick auf Hiroshima und die umliegende Landschaft auf. Der beste Rundumblick bietet sich jedoch vom Gipfel, zu dem von der Seilbahnstation noch ein etwa 30-minütiger Aufstieg nötig ist. So kamen wir doch noch zu einer Kurzwanderung gemeinsam mit etlichen anderen Besuchern. Auch wenn hier oben noch immer viel los war, tummelten sich merklich weniger Menschen als am Fuße des Berges beim Schrein. Auf dem Gipfel steht eine erhöhte Plattform aus Holz, von der aus sich ein atemberaubender Rundumblick auftat. Spätestens hier stellten wir fest, dass es definitiv die richtige Entscheidung war, hier bei Schönwetter herzukommen.
Blick vom Berg Misen Richtung Süden
Blick Richtung Süden mit Martin, Gianni, Philipp

Blick vom Berg Misen Richtung Hiroshima
Irgendwann mussten wir uns jedoch von der traumhaften Szenerie losreißen und mit dem Abstieg beginnen, da wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder beim Schreintor sein wollten. Da die meisten Besucher anscheinend doch mit der Seilbahn den Weg nach unten antreten, waren wir zeitweise ganz allein und vergaßen für einen Augenblick die Massen, was äußerst angenehm war. Jetzt am frühen Abend und bei Ebbe bot das Itsukushima-jinja einen gänzlich anderen Anblick. Plötzlich stand es von Menschen und vereinzelten Rehen umzingelt auf einer gewaltigen Sandbank. Wir mischten uns wieder unter die Massen, schossen die obligatorischen Fotos und genossen die von der untergehenden Sonne erzeugte Stimmung.
Torii des Itsukushima Schreins bei Ebbe
Als die Sonne hinter den Hügeln am Horizont verschwand, verschwanden auch wir mit der Fähre von Miyajima und daraufhin mit dem Zug nach Hiroshima.
Eine Sache fehlte allerdings noch für einen perfekten Tag. Richtig geraten, Sushi. Praktischerweise gab es gleich in Bahnhofnähe ein äußerst gut bewertetes, kleines Restaurant, in dem wir unserer Sucht befriedigen konnten. An der Bar sitzend schreibt man auf Zettel, welches Sushi in welcher Menge man haben will. Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass es ein wenig eskalierte und wir für eine Umsatzspitze sorgten. Vollends zufrieden wankten wir zur Straßenbahn, fuhren zum Hotel und dort nur noch ins Bett. Ein perfekter Tag ging zu Ende!
Auch am nächsten Tag bewahrheitete sich die Wettervorhersage, denn es regnete eigentlich den ganzen Tag mehr oder weniger stark. Das störte uns aber ganz und gar nicht, da wir heute ohnehin einen Entspannungstag einlegen wollten. So schliefen wir aus und verließen erst am späteren Vormittag das Hotel, um etwas Essbares aufzusuchen. Auf kulinarisch legte wir eine Art Pause ein, zumindest was die Herkunft der Speise betraf, und gönnten uns eine (im Sinne von insgesamt fünf) Pizzen. Ansonsten besuchten wir nur das wirklich hervorragende Friedensmuseum. Es beherbergt eine Sammlung von Habseligkeiten, die nach dem Atombombenangriff geborgen wurden. Die Exponate sind ergreifend und persönlich (zerrissene Kleider, die geschmolzene Vesperbox eines Kindes, eine Uhr, die um 8:15 Uhr stehen blieb usw.), zudem sind einige erschütternde Fotos zu sehen und man erfährt alles über den Hergang die Folgen des grauenhaften Angriffs.
Den Nachmittag verbrachten wir nur noch einkaufend und blogschreibend, ehe wir am Abend die örtliche Spezialität Okonomiyaki ausprobierten. Hierbei handelt es sich im Grunde um einen dünnen Teig aus Weizenmehl mit Gemüse, Fleisch und anderen Zutaten, belegt oder vermischt und auf einer heißen Platte direkt am eigenen Tisch gebraten. Wirklich hervorragend! Weil wir den Tag noch nicht ganz beenden wollten, gingen wir in eine unweit vom Okonomiyaki-Restaurant gelegene Heavy-Metal-Bar namens Koba. Von außen ist die Bar kaum zu erkennen, man betritt einen nichtssagenden Betonbau und muss sich darin die schmalen Treppen hinauf in den 2. Stock kämpfen. Die Bar selbst ist, zumindest für uns als Rock- und Heavy-Metal-Fans, ein Highlight. Nicht nur wegen der gespielten Musik, sondern vor allem wegen ihres Besitzers „Bom“, der selbst ein totaler Metal-Freak und einfach ein Unikat ist.
Martin, Bom, Gianni, Philipp
Demnach verging der Abend bei etlichen Bieren und Gin Tonics wie im Flug, bis wir irgendwann in der Nacht zufrieden durch den Regen nach Hause torkelten. Morgen werden wir das in vielerlei Hinsicht eindrucksvolle Hiroshima nach Osaka mit Zwischenstopp in Himeji verlassen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Die verheerende Atombombe, die Hiroshima fast gänzlich vernichtet hat, wurde von einem amerikanischen B-29-Bomber namens "Enola Gay" abgeworfen und hieß selbst "Little Boy".
  • Der Atombombendom (engl. "Atomic Bomb Dome"), heute wohl das bekannteste Friedensdenkmal der Welt, ist immer noch gut erhalten, obwohl die Atombombe im Jahr 1945 in nicht einmal 150 Metern Entfernung detonierte. Über 90% aller anderen Gebäude von Hiroshima wurden dem Erdboden gleichgemacht.
  • Die Insel, auf der der Itsukushima-Schrein steht, galt früher als heilig, weshalb sie von einfachen Bürgern nicht betreten werden durfte. Mönche und Heilige, die die Insel betreten durften, mussten dazu mit einem Boot durch das heute weltbekannte Torii (Schreintor) fahren.
  • Der 535 Meter hohe Berg Misen soll zum ersten Mal angeblich im Jahr 806 vom buddhistischen Mönch Kūkai bestiegen worden sein. Angeblich verbrachte der Mönch 100 Tage am Gipfel des Berges, um asketische Übungen durchzuführen.

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