Mittwoch, 13. März 2019

Hiroshima - Himeji - Osaka Tag 1

Da es am Vorabend doch etwas später geworden war, reizten wir die Check-Out-Zeit unseres Hotelzimmers bis zur letzten Minute aus und brachen daraufhin mit neuer Kraft zum Bahnhof von Hiroshima auf. Das heutige Ziel lautete Osaka, Japans drittgrößte Stadt nach Tokio und Yokohama. Doch zuvor hatten wir noch einen mehrstündigen Zwischenstopp im auf der Strecke liegenden Himeji eingeplant. Über diese vergleichsweise ruhige Stadt erhebt sich nämlich die Himeji-jo, die als Japans schönste und prächtigste Burg gilt.
Hiroshima - Himeji - Osaka
Die Fahrt von Hiroshima dauerte nicht mal eine Stunde, was hinsichtlich der bequemen Shinkansen-Sitze fast schaden ist. Am Bahnhof Himeji reservierten wir zuerst unsere Sitzplätze für die Weiterfahrt nach Osaka in vier Stunden. So hatten wir also genug Zeit, um die Burg und ihre nähere Umgebung zu erkunden. Das Gepäck verstauten wir am Bahnhof, was hier äußerst schnell und einfach geht, um unseren Weg zur Burg zu Fuß fortzusetzen. Der Bahnhof ist direkt in einer Linie zur Burg erbaut worden und so sieht man in gut ein bis zwei Kilometern Entfernung am Ende einer breiten Straße schon das gewaltige Bauwerk aufragen, wenn man dem Bahnhof entsteigt.
Himeji-jo am Ende der Straße
Die Himeji-jo gehört zu den wenigen im Original erhaltenen Burgen des Landes (die meisten sind moderne Nachbauten aus Beton). Aufgrund ihrer weiß schimmernden Fassade wird sie auch Shirasagi-jo („Burg des Weißen Reihers“) genannt. Die Burg verfügt über einen fünfstöckigen Turm und drei kleinere Außentürme. 
Himeji-jo


Philipp, Gianni, Martin
Das gesamte Gelände ist von Gräben und Verteidigungsmauern umgeben, in die viele rechteckige, runde und dreieckige Öffnungen eingefügt sind – durch diese wurden Gewehre abgefeuert und Pfeile geschossen.
In das Gemäuer des Hauptturms sind Ishiotoshi eingelassen – schmale Öffnungen, durch die die Verteidiger heißes Wasser oder Öl auf die Feinde schütten konnten, um sie am Hochklettern zu hindern, wenn die anderen Verteidigungsanlagen bereits bezwungen waren. In Anbetracht solcher Maßnahmen zahlten wir lieber den erforderlichen Eintritt, um die Burg auf legalem Weg zu betreten. Wir machten uns auf die etwa eineinhalbstündige, mit Pfeilen ausgeschilderte Rundtour, die uns durch die diversen Burghöfe und Gebäude führte, wobei vor allem der fünfstöckige Hauptturm auch von innen zu begeistern wusste. Da es sich hierbei für die meisten Touristen um einen Fixstopp handelt, waren auch dementsprechend viele Menschen unterwegs, aber überlaufen war es dennoch nicht.
Da uns nach unserer Burgtour noch etwas Zeit blieb, bis wir unseren Zug nach Osaka erwischen mussten, stattet wir noch dem außerhalb der Burgmauern gelegenen Koko-en, einer wunderschönen Gartenanlage, einen Besuch ab. Die verschiedenen kleinen Gärten warteten mit unterschiedlichen Kombinationen aus Wasserfällen, Koiteichen, makellos gestutzten Bäumen, Bambus und schon teilweise blühenden Sträuchern auf. Hier und da tat sich auch ein Blick auf die Burg auf, wodurch das herrliche Gesamtbild vollendet wurde. Am Ende dieser beiden Rundgänge war auch uns klar, warum dies einer der meistbesuchten Touristenpunkte des Landes ist.
Koko-en mit Blick auf die Burg 


Koko-en
Zufrieden konnten wir nun unseren Weg nach Osaka fortsetzen. Nach erneut gerade einmal 50 Minuten im Shinkansen trafen wir am Bahnhof von Osaka ein. Da es inzwischen schon nach 18 Uhr war und sich auch schon erste Anzeichen von Hunger auftaten, waren wir recht froh, herauszufinden, dass wir unser Hotel nur wenige Fußminuten vom Bahnhof entfernt gebucht hatten. Selbiges bezogen wir hurtigen Schrittes, um rasch den bereits auf dem Weg auserkorenen Inder ganz in der Nähe aufzusuchen, um unsere leeren Mägen zu füllen.
Da unser Hotel etwas abseits der pulsierenden Viertel liegt und wir nicht mehr die Muße hatten, uns an diesem Abend unter die Massen zu mischen, ging es nur noch in unser leider sehr enges Zimmer und ins Bett.
Da wir drei ganze Tage in Osaka sein werden und die Sehenswürdigkeiten der Stadt doch recht überschaubar sind, gingen wir auch den ersten Tag eher gemütlich an. So verließen wir unser Hotel erst am mittleren Vormittag und visierten als erstes Ziel das Umeda Sky Building an, von dem aus wir uns einen ersten Überblick über die Stadt aus der Vogelperspektive verschaffen wollten. Das 40-stöckige Hochhaus, das von der Times als eines der „Top 20 buildings around the world“ gelistet wurde, gleicht einem riesigen Triumphbogen der Moderne. Die beiden Zwillingstürme sind oben durch eine Aussichtsplattform verbunden, von dem aus sich uns ein atemberaubender Blick über die Stadt eröffnete. 
Umeda Sky Building 1

Umeda Sky Building 2

Blick vom Umeda Sky Building
Martin, Philipp, Gianni
Beim Hinunterfahren wird es anfangs auch recht abenteuerlich, denn die obersten fünf Etagen fährt man mit zwischen den Türmen mit einer Rolltreppe durch einen durchsichtigen Schacht. Nach diesen Erfahrungen in luftigen Höhen suchten wir uns in einem sogenannten Food Court im Keller der Bahnstation etwas Essbares, bevor es zum am Fluss O-kawa gelegenen Kemasakuranomiya Park weiterging. Der Park gab leider nicht besonders viel her, wir konnten uns aber recht gut vorstellen, dass es hier in einigen Wochen, wenn die Kirschblüte im vollen Gange ist, wesentlich schöner aussehen würde. Dennoch war es ganz nett, bei Sonnenschein dem Fluss entlang zu spazieren. 
Blick von einer Brücke des O-kawa
Am Südende des Parks hatten wir schließlich quasi unser nächstes Etappenziel, die Burg Osaka, erreicht. Im Gegensatz zur Himeji-jo ist die heutige Osaka-jo zwar eine Nachbildung aus Beton von 1931, dennoch bietet die Burg, die dramatisch über dem Park und Burggraben aufragt, ein beeindruckendes Bild. Erfreulicherweise mussten wir für den Eintritt in den Burgpark keinen Eintritt löhnen. Da wir erst gestern mit Himeji-jo die Mutter aller Burgen Japans betreten und bestiegen hatten, ließen wir davon ab, dies bei der Osaka-jo zu wiederholen. So schlenderten wir also nur durch den hübschen Park und genossen die Blicke auf die prächtige Burg, die aber wie erwartet nicht ganz mit Ihrer großen Schwester in Himeji mithalten konnte.
Osaka-jo
Am Abend widmeten wir uns schließlich der eigentlichen Attraktion Osakas, denn das sind nicht die einzelnen Sehenswürdigkeiten, sondern sein turbulentes Straßenleben in den Arkaden, Märkten und Gassen, das man vor allem in den nebeneinander liegenden Vierteln Amerika-Mura, Shinsaibashi und allen voran Dotombori erleben kann. Wir starteten unseren Rundgang in der kleinen Enklave Amerika-Mura (Amerikanisches Dorf, auch Ame-Mura genannt). Hier finden sich jede Menge hippe, unkonventionelle Läden vor allem für ein junges Publikum, Cafés, Bars, Tätowierstudios und Piercing-Salons. Vorbei an Horden japanischer Teenies, die den – zumindest in Japan – letzten Schrei in puncto Kleider und Frisuren tragen. Hier fühlt man sich wirklich in eine andere Welt versetzt, in der alle kuriosen Dinge, die man über Japan und ihre Bewohner so gehört hat, übertroffen werden.
Amerika-Mura
Obwohl wir dachten, hier wäre schon die Hölle los, wurden wir eines Besseren belehrt, als wir das Viertel Dotombori betraten. Was sich hier entlang der überdachten Marktstraßen und rund um den Dotombori-gawa-Kanal abspielt, sucht seinesgleichen. Wir waren zwar alle schon in einigen Großstädten dieser Welt, aber die Massen, auf die man hier trifft, stellen alles in den Schatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir an einem gewöhnlichen Dienstagabend unterwegs waren. Zentrum des Viertels ist die Brücke Ebisu-bashi, von der aus man in beide Richtungen des Flusses die unzähligen Leuchtreklamen bestaunen kann, die das Viertel zieren. 
Blick Richtung Norden von der Brücke Ebisu-bashi
Südlich und parallel zum Kanal verläuft die Dotombori-Straße, eine Fußgängerzone, in der Dutzende Restaurants und Theater mit auffälligen Neonschildern um Aufmerksamkeit werben. 
Dotombori-Straße
Das Lustige ist jedoch, dass man den Massen aus Einheimischen und Touristen sofort entflieht, sobald man sich nur ein oder zwei Seitengassen entfernt. Dies nutzten wir, um uns ein etwas stilleres Restaurant fürs Abendessen auszusuchen. Wir entschieden uns erstmal für die japanische Spezialität Shabu-shabu. Das Gericht besteht aus dünnen Scheiben Rind- oder Schweinefleisch und Gemüse, das unter Rühren in einer leichten Brühe in einem Topf direkt auf dem Tisch selbst gekocht und dann in verschiedene Soßen getaucht wird. Das Ganze ist zwar ein lustiges Erlebnis, schmeckt aber im Grunde recht langweilig. Wir waren zwar nicht enttäuscht, vom Hocker gehauen hat es uns aber auch nicht. Definitiv keine ernstzunehmende Konkurrenz für das nach wie vor auf Platz 1 rangierende Sushi (insbesondere vom Thunfisch).
Nach dem Essen genehmigten wir uns noch ein Bier in einer Rockbar in Amerika-Mura, bevor wir uns wieder mit der U-Bahn zum Hotel begaben, wo wir doch wieder recht erschöpft ins Bett fielen, obwohl wir den Tag ja ruhigen hatten angehen wollen. Nun ja, einen Großteil der Sehenswürdigkeiten und Attraktionen hatten wir ja nun gesehen, vielleicht können wir uns in den kommenden zwei Osaka-Tagen etwas entspannen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Die Burg von Himeji wir auch "Burg des weißen Reihers" genannt. Das liegt daran, dass der Hauptturm der Burg zusammen mit den weißen Mauern von oben wie ein weißer Reiher im Flug aussieht (mit etwas Fantasie).
  • Die Burg von Himeji hat von außen den Anschein als hätte sie fünf Stockwerke (wenn man die Dächer zählt), im Inneren verbergen sich jedoch tatsächlich sieben Stockwerke.
  • Die Tenjinbashisuji Shotengai in Osaka ist dafür bekannt, die längste Einkaufsstraße Japans zu sein. Sie ist stolze 2,6 km lang und bietet ungefähr 600 Läden Platz.
  • Im unterirdischen Einkaufszentrum im Bezirk Umeda wurden in die Wände Fossilien aus dem Jura und der Kreidezeit eingearbeitet. Wenn man genau hinsieht, kann man sie sehen und zählen (wir haben es leider nicht getan ...).

Montag, 11. März 2019

Fukuoka - Hiroshima (Miyajima)

Heute sollte einer der bisher schönsten, aber auch anstrengenderen Reisetage bevorstehen. Den bisherigen Schrittrekord hatten wir mit knapp 30.000 zumindest laut Martins Smart-Watch nachweislich aufgestellt. Ursprünglich hatten wir geplant, von Fukuoka nach Hiroshima zu fahren und zuerst dort einen ganzen Tag zu verbringen, ehe wir uns am nächsten Tag zur Insel Miyajima, einen von Japans meistbesuchten Touristenmagneten, aufmachen wollten.
Fukuoka - Hiroshima
Doch aufgrund der bisher sehr verlässlichen Wettervorhersage mussten wir ein wenig umdisponieren, da heute den ganzen Tag traumhafter Sonnenschein und morgen Dauerregen angesagt waren. Da lag es natürlich nahe, gleich heute nach Miyajima zu fahren und den Regentag eher in Hiroshima zu verbringen. Um aber auch in Hiroshima ein paar essenzielle Sehenswürdigkeiten bei Schönwetter mitzunehmen, planten wir einen guten Teil des Vormittags für selbige ein, ehe wir uns auf die 25-minütige Zugfahrt nach Miyajima begaben (ein Dank gilt an dieser Stelle auch Julian, der uns im Speziellen diese Vorgehensweise ans Herz legte – er war vor einigen Jahren mit Eva bereits selbst hier – uns aber auch sonst bei der Reiseplanung stets mit Rat und Tat zur Seite stand und steht).
So hieß es um 5:15 Uhr raus aus den Federn, um den Shinkansen nach Hiroshima um 6:15 Uhr zu erwischen. Die Sonne ging zwar erst auf, doch Wölkchen konnten wir kein einziges am Himmel erkennen, unser Plan schien also aufzugehen. Die Fahrt nach Hiroshima dauerte gut eineinhalb Stunden und verlief wie gewohnt unkompliziert. Am Bahnhof von Hiroshima sprangen wir gleich in die Straßenbahn, die uns zu unserem den Friedenspark überblickenden Hotel brachte. Das Zimmer konnten wir natürlich noch nicht beziehen, war es doch noch nicht einmal 9 Uhr, also gaben wir nur unsere Koffer ab und packten das Notwendigste für den Tag in einen Rucksack.
Wir hatten uns bereits vorab eine Route festgelegt, die uns bis zum späten Vormittag wieder zum Bahnhof zurückführen sollte. Diese startete quasi vor unserer Hotelhaustür beim Friedenspark. Viele assoziieren Hiroshima nur mit einem Ereignis: dem weltweit ersten Atombombenangriff am 6. August 1945. Der Friedenspark der Stadt dient als konstantes Mahnmal für diesen Tag und zieht nicht nur uns, sondern Besucher aus der ganzen Welt an. Inzwischen ist die grüne Metropole mit ihrem entspannt-freundlichem Flair aber längst kein trauriger Ort mehr. Der Park ist von beiden Seiten von Flüssen gesäumt und ein großes, grünes Gelände, das von Spazierwegen durchzogen und mit Denkmälern gespickt ist. Zentrales Element ist der längliche, baumbestandene Friedensteich, der zum Kenotaph führt, einem geschwungenen Betonmonument, das die Namen aller bekannten Opfer der Atombombe enthält.
Kenotaph
Flamme des Friedens
Am Teich steht zudem die Flamme des Friedens, die brennen soll, bis alle Nuklearwaffen der Welt zerstört sind. Wir befürchten, dass wir das Erlöschen dieser Flamme in unserem Leben wohl nicht mehr miterleben werden, vor allem, wenn man sich die jüngsten weltpolitischen Entwicklungen ansieht. Blickt man durch das Kenotaph den Teich hinab, fällt auf, dass es die Flamme des Friedens und den Atombombendom auf der anderen Flussseite umrahmt. Der Park wurde so angelegt, dass diese Elemente eine gerade Linie bilden mit dem Friedensmuseum, das wir uns für den morgigen Regentag aufbehielten, am Südende. Im Norden des Parks erhebt sich das Kinderdenkmal. Die Idee dazu stammt von Sadako Sasaki, die beim Atombombenangriff zwei Jahre alt war. Als das elfjährige Mädchen von ihrer Leukämieerkrankung erfuhr, beschloss sie tausend Papierkraniche zu falten. In Japan symbolisiert der Kranich Glück und ein langes Leben. Sadako war überzeugt davon, gesund zu werden, wenn sie ihr Ziel erreichen würde. Sie starb, bevor sie ihr Vorhaben abschließen konnte, doch ihre Klassenkameraden führten es für sie zu Ende. 1958 wurde ihr zu Ehren dieses Denkmal errichtet.
Kinderdenkmal zu Ehren von Sadako Sasaki
Es gibt im Park noch viele weitere Denkmäler und Statuen, zudem laden zahlreiche Bänke, zum Beispiel am Ufer mit Blick auf den Atombombendom, zu einer Verschnaufpause und zum Innehalten ein. Ebendiesen besichtigten wir als Nächstes aus der Nähe. Er ist zweifellos das intensivste Mahnmal des zerstörerischen Angriffs. Die Bombe explodierte fast direkt über dem Gebäude und tötete alle Menschen, die sich dort aufhielten, doch das Bauwerk selbst zählt zu den wenigen in der Nähe des Epizentrums, von denen noch etwas übrigblieb. Nach dem Krieg wurde entschieden, dass die Gebäudehülle als Gedenkstätte erhalten werden sollte und sie wurde 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Man vermag sich trotz dieses Mahnmals nicht vorzustellen, was sich hier vor 74 Jahren ereignet hat.
Atombombendom bei Tag

Atombombendom bei Nacht
Um zumindest wieder ein wenig auf andere Gedanken zu kommen, besuchten wir vor unserer Weiterfahrt nach Miyajima noch den kleinen, aber wunderschönen japanischen Garten namens Shukkei-en. Der Name bedeutet „zusammengezogener Blick“. Die nett angelegten Wege führten uns durch verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Aussichten um einen mit Inseln gespickten Teich. Die Anlage wurde beim Atombombenangriff zwar auch zerstört, doch der Park hat seit Langem wieder seine frühere Pracht zurückerlangt. Wir kürten ihn zum bisher schönsten, den wir bisher auf dieser Reise durchschritten hatten.
Shukkei-en 1

Shukkei-en 2
Inzwischen war es 11 Uhr geworden, deshalb gönnten wir uns nur noch einen kurzen Imbiss am Bahnhof, bevor wir in den Zug in Richtung Miyajimaguchi-Bahnhof fuhren, der nur einen kurzen Fußmarsch vom Hafen entfernt liegt, an dem die Fähre zur Insel ablegt. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten und kurz vor der Ankunft erblickt man das Monument, das Touristen anzieht wie Licht Insekten: das zinnoberrote Torii (Schreintor) des Itsukushima-jinja.
Torii des Itsukushima Schreins bei Flut
Konnten wir bisher den Touristenmassen noch recht gut entgehen, war das hier nicht mehr möglich. Ich bin zwar immer der Meinung, dass die schönsten Reiseerinnerungen eher an abgelegenen oder ruhigen Orten fernab der Touristen ihren Ursprung finden, dennoch ließen wir uns die Stimmung nicht vermiesen, schließlich hat es ja einen Grund, warum sich hier diese Massen versammeln. Ganz abgesehen davon sind wir Teil des „Problems“.
Itsukushima-jinja
Der Schrein zählt demnach zu den schönsten und meistfotografierten Motiven des Landes und gehört ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir erreichten die Szenerie bei Flut, bei der das Tor auf den Wellen zu treiben scheint. Davon abgesehen lockt Miyajima mit einigen Wanderwegen zum heiligen Berg Misen, Tempeln und frechen Rehen, die sich gänzlich an die Touristen gewöhnt haben und machen, was sie wollen, z. B. Unvorsichtigen Essen oder andere Gegenstände zu stibitzen und zu verzehren.
Reh auf Miyajima
Nach unserer Besichtigung der Umgebung suchten wir die Seilbahn auf, die auf den heiligen, friedvollen und von Primärwald bedeckten Misen hinaufführte. Wir ersparten uns dadurch den recht anstrengenden Aufstieg, wollten den Berg aber zumindest zu Fuß hinabwandern. Oben angekommen tut sich bereits ein wundervoller Blick auf Hiroshima und die umliegende Landschaft auf. Der beste Rundumblick bietet sich jedoch vom Gipfel, zu dem von der Seilbahnstation noch ein etwa 30-minütiger Aufstieg nötig ist. So kamen wir doch noch zu einer Kurzwanderung gemeinsam mit etlichen anderen Besuchern. Auch wenn hier oben noch immer viel los war, tummelten sich merklich weniger Menschen als am Fuße des Berges beim Schrein. Auf dem Gipfel steht eine erhöhte Plattform aus Holz, von der aus sich ein atemberaubender Rundumblick auftat. Spätestens hier stellten wir fest, dass es definitiv die richtige Entscheidung war, hier bei Schönwetter herzukommen.
Blick vom Berg Misen Richtung Süden
Blick Richtung Süden mit Martin, Gianni, Philipp

Blick vom Berg Misen Richtung Hiroshima
Irgendwann mussten wir uns jedoch von der traumhaften Szenerie losreißen und mit dem Abstieg beginnen, da wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder beim Schreintor sein wollten. Da die meisten Besucher anscheinend doch mit der Seilbahn den Weg nach unten antreten, waren wir zeitweise ganz allein und vergaßen für einen Augenblick die Massen, was äußerst angenehm war. Jetzt am frühen Abend und bei Ebbe bot das Itsukushima-jinja einen gänzlich anderen Anblick. Plötzlich stand es von Menschen und vereinzelten Rehen umzingelt auf einer gewaltigen Sandbank. Wir mischten uns wieder unter die Massen, schossen die obligatorischen Fotos und genossen die von der untergehenden Sonne erzeugte Stimmung.
Torii des Itsukushima Schreins bei Ebbe
Als die Sonne hinter den Hügeln am Horizont verschwand, verschwanden auch wir mit der Fähre von Miyajima und daraufhin mit dem Zug nach Hiroshima.
Eine Sache fehlte allerdings noch für einen perfekten Tag. Richtig geraten, Sushi. Praktischerweise gab es gleich in Bahnhofnähe ein äußerst gut bewertetes, kleines Restaurant, in dem wir unserer Sucht befriedigen konnten. An der Bar sitzend schreibt man auf Zettel, welches Sushi in welcher Menge man haben will. Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass es ein wenig eskalierte und wir für eine Umsatzspitze sorgten. Vollends zufrieden wankten wir zur Straßenbahn, fuhren zum Hotel und dort nur noch ins Bett. Ein perfekter Tag ging zu Ende!
Auch am nächsten Tag bewahrheitete sich die Wettervorhersage, denn es regnete eigentlich den ganzen Tag mehr oder weniger stark. Das störte uns aber ganz und gar nicht, da wir heute ohnehin einen Entspannungstag einlegen wollten. So schliefen wir aus und verließen erst am späteren Vormittag das Hotel, um etwas Essbares aufzusuchen. Auf kulinarisch legte wir eine Art Pause ein, zumindest was die Herkunft der Speise betraf, und gönnten uns eine (im Sinne von insgesamt fünf) Pizzen. Ansonsten besuchten wir nur das wirklich hervorragende Friedensmuseum. Es beherbergt eine Sammlung von Habseligkeiten, die nach dem Atombombenangriff geborgen wurden. Die Exponate sind ergreifend und persönlich (zerrissene Kleider, die geschmolzene Vesperbox eines Kindes, eine Uhr, die um 8:15 Uhr stehen blieb usw.), zudem sind einige erschütternde Fotos zu sehen und man erfährt alles über den Hergang die Folgen des grauenhaften Angriffs.
Den Nachmittag verbrachten wir nur noch einkaufend und blogschreibend, ehe wir am Abend die örtliche Spezialität Okonomiyaki ausprobierten. Hierbei handelt es sich im Grunde um einen dünnen Teig aus Weizenmehl mit Gemüse, Fleisch und anderen Zutaten, belegt oder vermischt und auf einer heißen Platte direkt am eigenen Tisch gebraten. Wirklich hervorragend! Weil wir den Tag noch nicht ganz beenden wollten, gingen wir in eine unweit vom Okonomiyaki-Restaurant gelegene Heavy-Metal-Bar namens Koba. Von außen ist die Bar kaum zu erkennen, man betritt einen nichtssagenden Betonbau und muss sich darin die schmalen Treppen hinauf in den 2. Stock kämpfen. Die Bar selbst ist, zumindest für uns als Rock- und Heavy-Metal-Fans, ein Highlight. Nicht nur wegen der gespielten Musik, sondern vor allem wegen ihres Besitzers „Bom“, der selbst ein totaler Metal-Freak und einfach ein Unikat ist.
Martin, Bom, Gianni, Philipp
Demnach verging der Abend bei etlichen Bieren und Gin Tonics wie im Flug, bis wir irgendwann in der Nacht zufrieden durch den Regen nach Hause torkelten. Morgen werden wir das in vielerlei Hinsicht eindrucksvolle Hiroshima nach Osaka mit Zwischenstopp in Himeji verlassen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Die verheerende Atombombe, die Hiroshima fast gänzlich vernichtet hat, wurde von einem amerikanischen B-29-Bomber namens "Enola Gay" abgeworfen und hieß selbst "Little Boy".
  • Der Atombombendom (engl. "Atomic Bomb Dome"), heute wohl das bekannteste Friedensdenkmal der Welt, ist immer noch gut erhalten, obwohl die Atombombe im Jahr 1945 in nicht einmal 150 Metern Entfernung detonierte. Über 90% aller anderen Gebäude von Hiroshima wurden dem Erdboden gleichgemacht.
  • Die Insel, auf der der Itsukushima-Schrein steht, galt früher als heilig, weshalb sie von einfachen Bürgern nicht betreten werden durfte. Mönche und Heilige, die die Insel betreten durften, mussten dazu mit einem Boot durch das heute weltbekannte Torii (Schreintor) fahren.
  • Der 535 Meter hohe Berg Misen soll zum ersten Mal angeblich im Jahr 806 vom buddhistischen Mönch Kūkai bestiegen worden sein. Angeblich verbrachte der Mönch 100 Tage am Gipfel des Berges, um asketische Übungen durchzuführen.

Sonntag, 10. März 2019

Yakushima - Kagoshima - Fukuoka

Heute hieß es Abschied nehmen von der wildromantischen Insel Yakushima. Noch einmal genossen wir das herrliche Frühstück von Hitomi, ehe wir uns mitsamt Gepäck auf den 15-minütigen Spaziergang zum Hafen aufmachten. Ein erster Blick auf das vom immer noch starken Wind aufgewühlten Meer versprach eine wesentlich turbulentere Überfahrt zurück nach Kagoshima. Dies bewahrheitete sich zwar, aber aufgrund der recht hohen Geschwindigkeit der kleinen Fähre, wirkte es halb so wild.
Yakushima - Kagoshima
Kagoshima
Sicher in Kagoshima und am Festland angekommen, ging es zuerst zum Bahnhof, wo wir unser Gepäck in Schließfächer sperrten, um uns noch den in den Reiseführern empfohlenen Sengan-en Garden anzusehen, der sich am Nordrand der Stadt an der Küste befindet. Wir hatten unsere Shinkansen-Fahrt nach Fukuoka bewusst erst für den frühen Abend reserviert, um noch ein paar Stunden Zeit in Kagoshima zu haben und das gute Wetter nicht im Zug fahrend zu vergeuden. Dennoch befahl der anklopfende Hunger zur raschen Aufsuche von etwas Essbarem. Unser Freund Ronald McDonald schaffte Abhilfe. Von amerikanischem Schnellfraß gestärkt, stiegen wir in den Bus zum Sengan-en.
Der sogenannte Garten ist vielmehr ein hügeliges, wunderschön an der Bucht gelegenes Anwesen mit Wäldchen, Gärten, Hügelpfaden und einem der schönsten Ausblicke auf den rauchenden Gipfel des Sakurajima. Das 1658 errichtete Anwesen war einst Ort des Vergnügens und ein strategisch wichtiger Ausguck auf einfahrende Schiffe. Da die Zeit doch schon etwas drängte und wir unseren reservierten Zug nicht verpassen wollten, trödelten wir nicht allzu sehr herum, genossen aber dennoch die schönen Anblicke, die die Anlage und der Sakurajima für uns bereithielten.

Sengan-en 1

Sengan-en 2

Sengan-en 3
Sengan-en 4 (Blick auf Sakurajima)
Sengan-en 5
Sengan-en 6 

Sengan-en 7
Nach unserem etwa einstündigen Rundgang stiegen wir wieder in den Bus, der uns rechtzeitig zum Bahnhof brachte, wo wir nur noch unsere Koffer holten und in den wie immer gnadenlos pünktlichen Shinkansen steigen mussten.
Im Laufe der folgenden zwei Wochen arbeiten wir uns wieder in nordöstlicher Richtung zurück bis nach Tokio. Unser erstes Ziel dabei war Fukuoka, eine weitere Millionenstadt, die nur etwas mehr als eine Shinkansen-Stunde von Kagoshima am nördlichen Ende Kyushus liegt. Sie besteht aus der Fukuoka-Burgstadt am Westufer des Naka-gawa sowie Hakata im Osten. 1859 vereinten sich beide zu Fukuoka, obwohl der Name Hakata ebenfalls oft verwendet wird (so kamen wir auch am Bahnhof Hakata an). Unter Japanern ist die noch immer im Wachstum begriffene Stadt für ihre Hakata-bijin (wunderschönen Frauen), das Baseballteam SoftBank Hawks und herzhafte Hakata-ramen (Eiernudeln) bekannt. Von Letzteren wollten wir uns jedenfalls noch im Zuge unseres nicht ganz zweitätigen Aufenthaltes persönlich überzeugen.
Kagoshima - Fukuoka
Am Abend unserer Ankunft bezogen wir jedoch nur noch unser bahnhofnahes Hotel, suchten uns in der näheren Umgebung ein schnelles Abendessen (keine Ramen) und ließen den Tag noch bei Bier und Gin Tonic in einem örtlichen Pub ausklingen.
Am nächsten Morgen lachte erneut strahlender Sonnenschein beim Hotelfenster herein, der uns frohen Mutes in unseren Fukuoka-Besichtigungstag starten ließ. Unseren Vormittag wollten wir im Uminonakamichi Seaside Park verbringen, einem weitläufigen familienfreundlichen Park auf einer schmalen Landzunge jenseits der Bucht von Fukuoka. Auf unserem Weg zum Bahnhof, wo ein Regionalzug direkt zum Parkeingang losfährt, legten wir noch einen kurzen Kaffee- und Frühstückstopp in einem Starbucks ein. Hier plagt einen kaum das schlechte Gewissen, wenn man für die Befriedigung seines Kaffeeverlangens auf amerikanische Angebote zurückgreift, denn die bisherigen japanisches Varianten wussten ganz und gar nicht zu überzeugen. Überall können sie uns ja doch nicht überlegen sein …
Die etwa halbstündige Fahrt zum Park verlief ereignislos und unkompliziert. Auf über 4 km Länge findet man hier Blumengärten, Spielplätze, einen Vergnügungspark, Sportplätze aller Art, Freibäder, einen Zoo und vieles mehr. Man könnte hier bei schönem Wetter also problemlos einen ganzen Tag verbringen. Außerdem tun sich an der Küste tolle Ausblicke aufs Meer auf. Am Eingang gibt es auch einen Radverleih; wir entschieden uns jedoch für die eigenen zwei Beine. Unter der prallen Sonne und beinahe sommerlichen Temperaturen erkundeten wir große Teile des Parks und genossen dabei die Ruhe, die man hier dank der schieren Größe der Anlage problemlos findet.
Philipp, Gianni, Martin im Uminonakamichi Park

Uminonakamichi Park 1

Uminonakamichi Park 2
Gegen Mittag mussten wir uns jedoch langsam wieder von dieser grünen Oase verabschieden und zum Hakata-Bahnhof zurückfahren, da wir mit dem in der Stadt gelegenen Ohori-Park und dem Kushida-Schrein noch zwei Besichtigungsziele angedacht hatten.
Wieder am Bahnhof angekommen, wechselten wir in die U-Bahn, die uns zum Ohori-Park brachte. Das Wetter zeigte sich auch am Nachmittag von seiner besten Seite und so konnten wir auch diesen netten Park, dessen Zentrum ein großer Teich ist, in dem drei durch Brücken verbundene Inseln liegen, vollends auskosten und uns unter die vielen Japaner mischen, die diesen Park zum Spazierengehen, Sporteln oder Verweilen aufsuchen.
Ohori-Park 1

Ohori-Park 2

Ohori-Park 3

Ohori-Park 4
Unser nächstes Ziel, der Kushida-Schrein lag zwar gute 40 Gehminuten vom Ohori-Park entfernt, doch das Wetter allein war Motivation genug, nicht wieder die U-Bahn zu nehmen, sondern diese an der Oberfläche auf uns zu nehmen. Vorbei an weiteren kleinen hübsch angelegten Grünflächen, modernen, teilweise grandios begrünten Gebäuden und über den Fluss Naka-gawa erreichten wir den Kushida-Schrein am Rande der sogenannten Canal City, Fukuokas größtem Einkaufszentrum, das wir im Anschluss auch noch aufsuchen sollten. Den reizvollen, im 8. Jahrhundert gegründeten Schrein, der sich inmitten der modernen Häuserschlucht versteckt, umweht ein Hauch des historischen Hakata. Im Vorhof steht ein angeblich über 1.000 Jahre alter Ginkgo-Baum.

Kushida-Schrein 1
Kushida-Schrein 2


All die Historie und Heiligkeit machten natürlich hungrig. Um unseren Aufenthalt in Fukuoka ordentlich abzurunden, hieß es nun Ramen zu probieren, die hier so angepriesen werden. Zum Glück fanden wir quasi gleich um die Ecke ein gut bewertetes Lokal, das selbige feilbot. Wie nicht anders zu erwarten, wurden auch hier unsere hohen Erwartungen mehr als erfüllt. Prädikat köstlich!
Als Kontrast zum alten Kushida-Schrein besuchten wir nach dem Essen noch das Shopping Center Canal City. Der zukunftsweisende Mammutbau in geschwungenen Formen motiviert hier die Kunden zum Staunen, Erleben und Kaufen. Hier finden sich Kinos, Hotels, Boutiquen, Bars und Restaurants Seite an Seite.
Canal City Shopping Center
Blickfang des Komplexes ist jedoch ein künstlich angelegter Kanal mit beleuchteter Springbrunnensymphonie, in unserem Fall zu Klängen von Richard Wagners Walkürenritt. Nach nicht einmal einem ganzen Tag ist uns diese sympathische Stadt bereits sehr ans Herz gewachsen. Es ist fast ein wenig schade, dass wir sie morgen wieder verlassen müssen, und das schon um 6 Uhr morgens, da wir für den kommenden Tag etliches geplant hatten.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Der Shinkansen hat im Jahr durchschnittlich nur 0,9 Minuten Verspätung. Das liegt unter anderem auch daran, dass jeder Lokführer eine schriftliche Erklärung abgeben muss, wenn er sich um mehr als 15 Sekunden verspätet.
  • Beim "Hakata Gion Yamakasa Festival Guide" werden Flöße von ungefähr einer Tonne Gewicht durch die Straßen getragen. Dabei treten mehrere Teams gegeneinander an, um den Sieg davonzutragen.
  • Zwischen 2010 und 2015 ist Fukuoka schneller gewachsen als jede andere Stadt in Japan, nämlich um 5,1 %.
  • Fukuoka zählt zu einer der billigsten Städten Japans. Hier kosten 100 g Thunfisch beispielsweise nur knapp 300 Yen.





Tokio Tag 1 (Kamakura) & Tokio Tag 2 (Nikko) & Tokio Tag 3

Fast vier Wochen sind tatsächlich schon vergangen, seit wir hier in Tokio gelandet sind. Auch wenn wir in dieser Zeit vieles erlebt und unt...