Montag, 11. März 2019

Fukuoka - Hiroshima (Miyajima)

Heute sollte einer der bisher schönsten, aber auch anstrengenderen Reisetage bevorstehen. Den bisherigen Schrittrekord hatten wir mit knapp 30.000 zumindest laut Martins Smart-Watch nachweislich aufgestellt. Ursprünglich hatten wir geplant, von Fukuoka nach Hiroshima zu fahren und zuerst dort einen ganzen Tag zu verbringen, ehe wir uns am nächsten Tag zur Insel Miyajima, einen von Japans meistbesuchten Touristenmagneten, aufmachen wollten.
Fukuoka - Hiroshima
Doch aufgrund der bisher sehr verlässlichen Wettervorhersage mussten wir ein wenig umdisponieren, da heute den ganzen Tag traumhafter Sonnenschein und morgen Dauerregen angesagt waren. Da lag es natürlich nahe, gleich heute nach Miyajima zu fahren und den Regentag eher in Hiroshima zu verbringen. Um aber auch in Hiroshima ein paar essenzielle Sehenswürdigkeiten bei Schönwetter mitzunehmen, planten wir einen guten Teil des Vormittags für selbige ein, ehe wir uns auf die 25-minütige Zugfahrt nach Miyajima begaben (ein Dank gilt an dieser Stelle auch Julian, der uns im Speziellen diese Vorgehensweise ans Herz legte – er war vor einigen Jahren mit Eva bereits selbst hier – uns aber auch sonst bei der Reiseplanung stets mit Rat und Tat zur Seite stand und steht).
So hieß es um 5:15 Uhr raus aus den Federn, um den Shinkansen nach Hiroshima um 6:15 Uhr zu erwischen. Die Sonne ging zwar erst auf, doch Wölkchen konnten wir kein einziges am Himmel erkennen, unser Plan schien also aufzugehen. Die Fahrt nach Hiroshima dauerte gut eineinhalb Stunden und verlief wie gewohnt unkompliziert. Am Bahnhof von Hiroshima sprangen wir gleich in die Straßenbahn, die uns zu unserem den Friedenspark überblickenden Hotel brachte. Das Zimmer konnten wir natürlich noch nicht beziehen, war es doch noch nicht einmal 9 Uhr, also gaben wir nur unsere Koffer ab und packten das Notwendigste für den Tag in einen Rucksack.
Wir hatten uns bereits vorab eine Route festgelegt, die uns bis zum späten Vormittag wieder zum Bahnhof zurückführen sollte. Diese startete quasi vor unserer Hotelhaustür beim Friedenspark. Viele assoziieren Hiroshima nur mit einem Ereignis: dem weltweit ersten Atombombenangriff am 6. August 1945. Der Friedenspark der Stadt dient als konstantes Mahnmal für diesen Tag und zieht nicht nur uns, sondern Besucher aus der ganzen Welt an. Inzwischen ist die grüne Metropole mit ihrem entspannt-freundlichem Flair aber längst kein trauriger Ort mehr. Der Park ist von beiden Seiten von Flüssen gesäumt und ein großes, grünes Gelände, das von Spazierwegen durchzogen und mit Denkmälern gespickt ist. Zentrales Element ist der längliche, baumbestandene Friedensteich, der zum Kenotaph führt, einem geschwungenen Betonmonument, das die Namen aller bekannten Opfer der Atombombe enthält.
Kenotaph
Flamme des Friedens
Am Teich steht zudem die Flamme des Friedens, die brennen soll, bis alle Nuklearwaffen der Welt zerstört sind. Wir befürchten, dass wir das Erlöschen dieser Flamme in unserem Leben wohl nicht mehr miterleben werden, vor allem, wenn man sich die jüngsten weltpolitischen Entwicklungen ansieht. Blickt man durch das Kenotaph den Teich hinab, fällt auf, dass es die Flamme des Friedens und den Atombombendom auf der anderen Flussseite umrahmt. Der Park wurde so angelegt, dass diese Elemente eine gerade Linie bilden mit dem Friedensmuseum, das wir uns für den morgigen Regentag aufbehielten, am Südende. Im Norden des Parks erhebt sich das Kinderdenkmal. Die Idee dazu stammt von Sadako Sasaki, die beim Atombombenangriff zwei Jahre alt war. Als das elfjährige Mädchen von ihrer Leukämieerkrankung erfuhr, beschloss sie tausend Papierkraniche zu falten. In Japan symbolisiert der Kranich Glück und ein langes Leben. Sadako war überzeugt davon, gesund zu werden, wenn sie ihr Ziel erreichen würde. Sie starb, bevor sie ihr Vorhaben abschließen konnte, doch ihre Klassenkameraden führten es für sie zu Ende. 1958 wurde ihr zu Ehren dieses Denkmal errichtet.
Kinderdenkmal zu Ehren von Sadako Sasaki
Es gibt im Park noch viele weitere Denkmäler und Statuen, zudem laden zahlreiche Bänke, zum Beispiel am Ufer mit Blick auf den Atombombendom, zu einer Verschnaufpause und zum Innehalten ein. Ebendiesen besichtigten wir als Nächstes aus der Nähe. Er ist zweifellos das intensivste Mahnmal des zerstörerischen Angriffs. Die Bombe explodierte fast direkt über dem Gebäude und tötete alle Menschen, die sich dort aufhielten, doch das Bauwerk selbst zählt zu den wenigen in der Nähe des Epizentrums, von denen noch etwas übrigblieb. Nach dem Krieg wurde entschieden, dass die Gebäudehülle als Gedenkstätte erhalten werden sollte und sie wurde 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Man vermag sich trotz dieses Mahnmals nicht vorzustellen, was sich hier vor 74 Jahren ereignet hat.
Atombombendom bei Tag

Atombombendom bei Nacht
Um zumindest wieder ein wenig auf andere Gedanken zu kommen, besuchten wir vor unserer Weiterfahrt nach Miyajima noch den kleinen, aber wunderschönen japanischen Garten namens Shukkei-en. Der Name bedeutet „zusammengezogener Blick“. Die nett angelegten Wege führten uns durch verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Aussichten um einen mit Inseln gespickten Teich. Die Anlage wurde beim Atombombenangriff zwar auch zerstört, doch der Park hat seit Langem wieder seine frühere Pracht zurückerlangt. Wir kürten ihn zum bisher schönsten, den wir bisher auf dieser Reise durchschritten hatten.
Shukkei-en 1

Shukkei-en 2
Inzwischen war es 11 Uhr geworden, deshalb gönnten wir uns nur noch einen kurzen Imbiss am Bahnhof, bevor wir in den Zug in Richtung Miyajimaguchi-Bahnhof fuhren, der nur einen kurzen Fußmarsch vom Hafen entfernt liegt, an dem die Fähre zur Insel ablegt. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten und kurz vor der Ankunft erblickt man das Monument, das Touristen anzieht wie Licht Insekten: das zinnoberrote Torii (Schreintor) des Itsukushima-jinja.
Torii des Itsukushima Schreins bei Flut
Konnten wir bisher den Touristenmassen noch recht gut entgehen, war das hier nicht mehr möglich. Ich bin zwar immer der Meinung, dass die schönsten Reiseerinnerungen eher an abgelegenen oder ruhigen Orten fernab der Touristen ihren Ursprung finden, dennoch ließen wir uns die Stimmung nicht vermiesen, schließlich hat es ja einen Grund, warum sich hier diese Massen versammeln. Ganz abgesehen davon sind wir Teil des „Problems“.
Itsukushima-jinja
Der Schrein zählt demnach zu den schönsten und meistfotografierten Motiven des Landes und gehört ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir erreichten die Szenerie bei Flut, bei der das Tor auf den Wellen zu treiben scheint. Davon abgesehen lockt Miyajima mit einigen Wanderwegen zum heiligen Berg Misen, Tempeln und frechen Rehen, die sich gänzlich an die Touristen gewöhnt haben und machen, was sie wollen, z. B. Unvorsichtigen Essen oder andere Gegenstände zu stibitzen und zu verzehren.
Reh auf Miyajima
Nach unserer Besichtigung der Umgebung suchten wir die Seilbahn auf, die auf den heiligen, friedvollen und von Primärwald bedeckten Misen hinaufführte. Wir ersparten uns dadurch den recht anstrengenden Aufstieg, wollten den Berg aber zumindest zu Fuß hinabwandern. Oben angekommen tut sich bereits ein wundervoller Blick auf Hiroshima und die umliegende Landschaft auf. Der beste Rundumblick bietet sich jedoch vom Gipfel, zu dem von der Seilbahnstation noch ein etwa 30-minütiger Aufstieg nötig ist. So kamen wir doch noch zu einer Kurzwanderung gemeinsam mit etlichen anderen Besuchern. Auch wenn hier oben noch immer viel los war, tummelten sich merklich weniger Menschen als am Fuße des Berges beim Schrein. Auf dem Gipfel steht eine erhöhte Plattform aus Holz, von der aus sich ein atemberaubender Rundumblick auftat. Spätestens hier stellten wir fest, dass es definitiv die richtige Entscheidung war, hier bei Schönwetter herzukommen.
Blick vom Berg Misen Richtung Süden
Blick Richtung Süden mit Martin, Gianni, Philipp

Blick vom Berg Misen Richtung Hiroshima
Irgendwann mussten wir uns jedoch von der traumhaften Szenerie losreißen und mit dem Abstieg beginnen, da wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder beim Schreintor sein wollten. Da die meisten Besucher anscheinend doch mit der Seilbahn den Weg nach unten antreten, waren wir zeitweise ganz allein und vergaßen für einen Augenblick die Massen, was äußerst angenehm war. Jetzt am frühen Abend und bei Ebbe bot das Itsukushima-jinja einen gänzlich anderen Anblick. Plötzlich stand es von Menschen und vereinzelten Rehen umzingelt auf einer gewaltigen Sandbank. Wir mischten uns wieder unter die Massen, schossen die obligatorischen Fotos und genossen die von der untergehenden Sonne erzeugte Stimmung.
Torii des Itsukushima Schreins bei Ebbe
Als die Sonne hinter den Hügeln am Horizont verschwand, verschwanden auch wir mit der Fähre von Miyajima und daraufhin mit dem Zug nach Hiroshima.
Eine Sache fehlte allerdings noch für einen perfekten Tag. Richtig geraten, Sushi. Praktischerweise gab es gleich in Bahnhofnähe ein äußerst gut bewertetes, kleines Restaurant, in dem wir unserer Sucht befriedigen konnten. An der Bar sitzend schreibt man auf Zettel, welches Sushi in welcher Menge man haben will. Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass es ein wenig eskalierte und wir für eine Umsatzspitze sorgten. Vollends zufrieden wankten wir zur Straßenbahn, fuhren zum Hotel und dort nur noch ins Bett. Ein perfekter Tag ging zu Ende!
Auch am nächsten Tag bewahrheitete sich die Wettervorhersage, denn es regnete eigentlich den ganzen Tag mehr oder weniger stark. Das störte uns aber ganz und gar nicht, da wir heute ohnehin einen Entspannungstag einlegen wollten. So schliefen wir aus und verließen erst am späteren Vormittag das Hotel, um etwas Essbares aufzusuchen. Auf kulinarisch legte wir eine Art Pause ein, zumindest was die Herkunft der Speise betraf, und gönnten uns eine (im Sinne von insgesamt fünf) Pizzen. Ansonsten besuchten wir nur das wirklich hervorragende Friedensmuseum. Es beherbergt eine Sammlung von Habseligkeiten, die nach dem Atombombenangriff geborgen wurden. Die Exponate sind ergreifend und persönlich (zerrissene Kleider, die geschmolzene Vesperbox eines Kindes, eine Uhr, die um 8:15 Uhr stehen blieb usw.), zudem sind einige erschütternde Fotos zu sehen und man erfährt alles über den Hergang die Folgen des grauenhaften Angriffs.
Den Nachmittag verbrachten wir nur noch einkaufend und blogschreibend, ehe wir am Abend die örtliche Spezialität Okonomiyaki ausprobierten. Hierbei handelt es sich im Grunde um einen dünnen Teig aus Weizenmehl mit Gemüse, Fleisch und anderen Zutaten, belegt oder vermischt und auf einer heißen Platte direkt am eigenen Tisch gebraten. Wirklich hervorragend! Weil wir den Tag noch nicht ganz beenden wollten, gingen wir in eine unweit vom Okonomiyaki-Restaurant gelegene Heavy-Metal-Bar namens Koba. Von außen ist die Bar kaum zu erkennen, man betritt einen nichtssagenden Betonbau und muss sich darin die schmalen Treppen hinauf in den 2. Stock kämpfen. Die Bar selbst ist, zumindest für uns als Rock- und Heavy-Metal-Fans, ein Highlight. Nicht nur wegen der gespielten Musik, sondern vor allem wegen ihres Besitzers „Bom“, der selbst ein totaler Metal-Freak und einfach ein Unikat ist.
Martin, Bom, Gianni, Philipp
Demnach verging der Abend bei etlichen Bieren und Gin Tonics wie im Flug, bis wir irgendwann in der Nacht zufrieden durch den Regen nach Hause torkelten. Morgen werden wir das in vielerlei Hinsicht eindrucksvolle Hiroshima nach Osaka mit Zwischenstopp in Himeji verlassen.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Die verheerende Atombombe, die Hiroshima fast gänzlich vernichtet hat, wurde von einem amerikanischen B-29-Bomber namens "Enola Gay" abgeworfen und hieß selbst "Little Boy".
  • Der Atombombendom (engl. "Atomic Bomb Dome"), heute wohl das bekannteste Friedensdenkmal der Welt, ist immer noch gut erhalten, obwohl die Atombombe im Jahr 1945 in nicht einmal 150 Metern Entfernung detonierte. Über 90% aller anderen Gebäude von Hiroshima wurden dem Erdboden gleichgemacht.
  • Die Insel, auf der der Itsukushima-Schrein steht, galt früher als heilig, weshalb sie von einfachen Bürgern nicht betreten werden durfte. Mönche und Heilige, die die Insel betreten durften, mussten dazu mit einem Boot durch das heute weltbekannte Torii (Schreintor) fahren.
  • Der 535 Meter hohe Berg Misen soll zum ersten Mal angeblich im Jahr 806 vom buddhistischen Mönch Kūkai bestiegen worden sein. Angeblich verbrachte der Mönch 100 Tage am Gipfel des Berges, um asketische Übungen durchzuführen.

Sonntag, 10. März 2019

Yakushima - Kagoshima - Fukuoka

Heute hieß es Abschied nehmen von der wildromantischen Insel Yakushima. Noch einmal genossen wir das herrliche Frühstück von Hitomi, ehe wir uns mitsamt Gepäck auf den 15-minütigen Spaziergang zum Hafen aufmachten. Ein erster Blick auf das vom immer noch starken Wind aufgewühlten Meer versprach eine wesentlich turbulentere Überfahrt zurück nach Kagoshima. Dies bewahrheitete sich zwar, aber aufgrund der recht hohen Geschwindigkeit der kleinen Fähre, wirkte es halb so wild.
Yakushima - Kagoshima
Kagoshima
Sicher in Kagoshima und am Festland angekommen, ging es zuerst zum Bahnhof, wo wir unser Gepäck in Schließfächer sperrten, um uns noch den in den Reiseführern empfohlenen Sengan-en Garden anzusehen, der sich am Nordrand der Stadt an der Küste befindet. Wir hatten unsere Shinkansen-Fahrt nach Fukuoka bewusst erst für den frühen Abend reserviert, um noch ein paar Stunden Zeit in Kagoshima zu haben und das gute Wetter nicht im Zug fahrend zu vergeuden. Dennoch befahl der anklopfende Hunger zur raschen Aufsuche von etwas Essbarem. Unser Freund Ronald McDonald schaffte Abhilfe. Von amerikanischem Schnellfraß gestärkt, stiegen wir in den Bus zum Sengan-en.
Der sogenannte Garten ist vielmehr ein hügeliges, wunderschön an der Bucht gelegenes Anwesen mit Wäldchen, Gärten, Hügelpfaden und einem der schönsten Ausblicke auf den rauchenden Gipfel des Sakurajima. Das 1658 errichtete Anwesen war einst Ort des Vergnügens und ein strategisch wichtiger Ausguck auf einfahrende Schiffe. Da die Zeit doch schon etwas drängte und wir unseren reservierten Zug nicht verpassen wollten, trödelten wir nicht allzu sehr herum, genossen aber dennoch die schönen Anblicke, die die Anlage und der Sakurajima für uns bereithielten.

Sengan-en 1

Sengan-en 2

Sengan-en 3
Sengan-en 4 (Blick auf Sakurajima)
Sengan-en 5
Sengan-en 6 

Sengan-en 7
Nach unserem etwa einstündigen Rundgang stiegen wir wieder in den Bus, der uns rechtzeitig zum Bahnhof brachte, wo wir nur noch unsere Koffer holten und in den wie immer gnadenlos pünktlichen Shinkansen steigen mussten.
Im Laufe der folgenden zwei Wochen arbeiten wir uns wieder in nordöstlicher Richtung zurück bis nach Tokio. Unser erstes Ziel dabei war Fukuoka, eine weitere Millionenstadt, die nur etwas mehr als eine Shinkansen-Stunde von Kagoshima am nördlichen Ende Kyushus liegt. Sie besteht aus der Fukuoka-Burgstadt am Westufer des Naka-gawa sowie Hakata im Osten. 1859 vereinten sich beide zu Fukuoka, obwohl der Name Hakata ebenfalls oft verwendet wird (so kamen wir auch am Bahnhof Hakata an). Unter Japanern ist die noch immer im Wachstum begriffene Stadt für ihre Hakata-bijin (wunderschönen Frauen), das Baseballteam SoftBank Hawks und herzhafte Hakata-ramen (Eiernudeln) bekannt. Von Letzteren wollten wir uns jedenfalls noch im Zuge unseres nicht ganz zweitätigen Aufenthaltes persönlich überzeugen.
Kagoshima - Fukuoka
Am Abend unserer Ankunft bezogen wir jedoch nur noch unser bahnhofnahes Hotel, suchten uns in der näheren Umgebung ein schnelles Abendessen (keine Ramen) und ließen den Tag noch bei Bier und Gin Tonic in einem örtlichen Pub ausklingen.
Am nächsten Morgen lachte erneut strahlender Sonnenschein beim Hotelfenster herein, der uns frohen Mutes in unseren Fukuoka-Besichtigungstag starten ließ. Unseren Vormittag wollten wir im Uminonakamichi Seaside Park verbringen, einem weitläufigen familienfreundlichen Park auf einer schmalen Landzunge jenseits der Bucht von Fukuoka. Auf unserem Weg zum Bahnhof, wo ein Regionalzug direkt zum Parkeingang losfährt, legten wir noch einen kurzen Kaffee- und Frühstückstopp in einem Starbucks ein. Hier plagt einen kaum das schlechte Gewissen, wenn man für die Befriedigung seines Kaffeeverlangens auf amerikanische Angebote zurückgreift, denn die bisherigen japanisches Varianten wussten ganz und gar nicht zu überzeugen. Überall können sie uns ja doch nicht überlegen sein …
Die etwa halbstündige Fahrt zum Park verlief ereignislos und unkompliziert. Auf über 4 km Länge findet man hier Blumengärten, Spielplätze, einen Vergnügungspark, Sportplätze aller Art, Freibäder, einen Zoo und vieles mehr. Man könnte hier bei schönem Wetter also problemlos einen ganzen Tag verbringen. Außerdem tun sich an der Küste tolle Ausblicke aufs Meer auf. Am Eingang gibt es auch einen Radverleih; wir entschieden uns jedoch für die eigenen zwei Beine. Unter der prallen Sonne und beinahe sommerlichen Temperaturen erkundeten wir große Teile des Parks und genossen dabei die Ruhe, die man hier dank der schieren Größe der Anlage problemlos findet.
Philipp, Gianni, Martin im Uminonakamichi Park

Uminonakamichi Park 1

Uminonakamichi Park 2
Gegen Mittag mussten wir uns jedoch langsam wieder von dieser grünen Oase verabschieden und zum Hakata-Bahnhof zurückfahren, da wir mit dem in der Stadt gelegenen Ohori-Park und dem Kushida-Schrein noch zwei Besichtigungsziele angedacht hatten.
Wieder am Bahnhof angekommen, wechselten wir in die U-Bahn, die uns zum Ohori-Park brachte. Das Wetter zeigte sich auch am Nachmittag von seiner besten Seite und so konnten wir auch diesen netten Park, dessen Zentrum ein großer Teich ist, in dem drei durch Brücken verbundene Inseln liegen, vollends auskosten und uns unter die vielen Japaner mischen, die diesen Park zum Spazierengehen, Sporteln oder Verweilen aufsuchen.
Ohori-Park 1

Ohori-Park 2

Ohori-Park 3

Ohori-Park 4
Unser nächstes Ziel, der Kushida-Schrein lag zwar gute 40 Gehminuten vom Ohori-Park entfernt, doch das Wetter allein war Motivation genug, nicht wieder die U-Bahn zu nehmen, sondern diese an der Oberfläche auf uns zu nehmen. Vorbei an weiteren kleinen hübsch angelegten Grünflächen, modernen, teilweise grandios begrünten Gebäuden und über den Fluss Naka-gawa erreichten wir den Kushida-Schrein am Rande der sogenannten Canal City, Fukuokas größtem Einkaufszentrum, das wir im Anschluss auch noch aufsuchen sollten. Den reizvollen, im 8. Jahrhundert gegründeten Schrein, der sich inmitten der modernen Häuserschlucht versteckt, umweht ein Hauch des historischen Hakata. Im Vorhof steht ein angeblich über 1.000 Jahre alter Ginkgo-Baum.

Kushida-Schrein 1
Kushida-Schrein 2


All die Historie und Heiligkeit machten natürlich hungrig. Um unseren Aufenthalt in Fukuoka ordentlich abzurunden, hieß es nun Ramen zu probieren, die hier so angepriesen werden. Zum Glück fanden wir quasi gleich um die Ecke ein gut bewertetes Lokal, das selbige feilbot. Wie nicht anders zu erwarten, wurden auch hier unsere hohen Erwartungen mehr als erfüllt. Prädikat köstlich!
Als Kontrast zum alten Kushida-Schrein besuchten wir nach dem Essen noch das Shopping Center Canal City. Der zukunftsweisende Mammutbau in geschwungenen Formen motiviert hier die Kunden zum Staunen, Erleben und Kaufen. Hier finden sich Kinos, Hotels, Boutiquen, Bars und Restaurants Seite an Seite.
Canal City Shopping Center
Blickfang des Komplexes ist jedoch ein künstlich angelegter Kanal mit beleuchteter Springbrunnensymphonie, in unserem Fall zu Klängen von Richard Wagners Walkürenritt. Nach nicht einmal einem ganzen Tag ist uns diese sympathische Stadt bereits sehr ans Herz gewachsen. Es ist fast ein wenig schade, dass wir sie morgen wieder verlassen müssen, und das schon um 6 Uhr morgens, da wir für den kommenden Tag etliches geplant hatten.

Ausgewählte Kuriositäten:

  • Der Shinkansen hat im Jahr durchschnittlich nur 0,9 Minuten Verspätung. Das liegt unter anderem auch daran, dass jeder Lokführer eine schriftliche Erklärung abgeben muss, wenn er sich um mehr als 15 Sekunden verspätet.
  • Beim "Hakata Gion Yamakasa Festival Guide" werden Flöße von ungefähr einer Tonne Gewicht durch die Straßen getragen. Dabei treten mehrere Teams gegeneinander an, um den Sieg davonzutragen.
  • Zwischen 2010 und 2015 ist Fukuoka schneller gewachsen als jede andere Stadt in Japan, nämlich um 5,1 %.
  • Fukuoka zählt zu einer der billigsten Städten Japans. Hier kosten 100 g Thunfisch beispielsweise nur knapp 300 Yen.





Freitag, 8. März 2019

Kagoshima - Yakushima Tag 1 & 2

Auch heute stand kein Ausschlafen auf dem Plan, denn um 8:45 Uhr legte unsere Fähre nach Yakushima ab und wir mussten schon eine halbe Stunde zuvor einchecken. Wir hielten uns an die Genauigkeit und Pünktlichkeit der Japaner und so saßen wir schon bald in der recht kleinen, aber schnellen Fähre. Das Wetter zeigte sich heute wieder von seiner besten Seite, was für die Region alles andere als selbstverständlich ist, gilt Yakushima doch als einer der regenreichsten Orte der Welt.
Die zweistündige Überfahrt über das ruhige Meer war gemütlich und kurzweilig und immer wieder taten sich großartige Blicke auf diverse Vulkane und Inseln auf. 
Kagoshima - Yakushima
Für den ersten unserer zwei Inseltage hatten wir eine ganztägige geführte Tour gebucht, da wir uns für die kurze Zeit kein Auto mieten wollten und es für eine gute Möglichkeit hielten, in kurzer Zeit möglichst viel von der Insel zu sehen und über sie zu erfahren. Unser Guide Steve, ein vor etwa 20 Jahren nach Japan ausgewanderter Brite, empfing uns im Hafen der kleinen an der Nordspitze der Insel gelegenen Stadt Miyanoura mit hochgehaltenem „Philipp“-Schild. Auf dem Programm stand eine Umrundung Yakushimas. Die Insel gehört seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe und hat in etwa die Fläche von Tokio. Steve machte von Anfang an einen sehr kompetenten und freundlichen Eindruck, was sich im Laufe der Tour immer mehr bestätigten sollte. So wusste er vieles über die Geschichte Yakushimas und Japans zu erzählen, war botanisch und zoologisch versiert und konnte sein Wissen obendrein noch interessant vermitteln. Egal, was wir ihn auch fragten, er hatte immer eine ausführliche und informative Antwort parat. Bevor die Tour jedoch losgehen konnte, brachte er uns noch schnell zu unserer Unterkunft am Rande von Miyanoura, damit wir unsere großen Koffer abladen konnten. Unsere Herberge für die kommenden zwei Nächte war eine Art Bed and Breakfast, das von einem nach Yakushima ausgewanderten Tokioter Ehepaar geführt wurde. Schon bei unserer Gepäckablagerung wurden wir herzlich von Shigeru und Hitomi in Empfang genommen. Nach kurzen Kennenlernverbeugungen sprangen wir auch schon wieder zurück ins Auto und starteten unsere Inselumrundung gen Westen. Die Tour brachte uns an diverse Hotspots der Insel. Unser erstes erwähnenswertes Ziel entlang der malerischen Küstenstraße war der Nagata Inaka-hama, ein breiter goldener Sandstrand im Nordwesten, auf dem von Mai bis Juli die gefährdeten Unechten Karettschildkröten und Grünen Meeresschildkröten ihre Eier ablegen. 

Nagata Inaka-hama
Bevor wir in den wilden Westteil der Insel einfuhren, machten wir noch Halt beim Nagata Lighthouse, einem nach schottischem Vorbild errichteten Leuchtturm. 
Nagata Leuchtturm
Blick vom Leuchtturm aus
Von hier aus beginnt sich die Straße durch den unberührten Wald zu winden, dem Zuhause etlicher Gruppen von Yakumakaken, einer nur auf Yakushima vorkommenden Unterart des Japanmakaken, und Sikahirschen. Es dauerte nur wenige Kurven, bis wir den ersten auf der Straße sitzenden Makaken begegneten, die es sich an den diversen Sonnenplätzen gemütlich gemacht hatten. Steve verriet uns, dass es die letzten Tage stark geregnet hatte und wir heute entlang der Straße auf etliche Makaken treffen würden, da es sie schon nach der Sonne lechzte. Und er sollte Recht behalten, denn beinahe hinter jeder zweiten Kurve tummelte sich eine neue Gruppe dieser entzückenden Affenart. Darunter spazierten vereinzelt Sikahirsche, die sich genauso wie die Affen nicht von uns und unserem Auto stören ließen. Wir hätten diese faszinierenden Tiere zwar den ganzen Tag beobachten können, mussten uns aber leider irgendwann von ihnen lösen. 
Yakumakaken

Sikahirsch
Unseren nächsten Stopp legten wir beim Oko-no-taki ein, Yakushimas höchstem Wasserfall mit 88 m, bei dem wir auch unser von Steve mitgebrachtes Mittagessen verspeisten. Wie so oft gab es eine kalte Bento-Box, die wider Erwarten aber immer gut schmeckt. 
Oko-no-taki
Am Nachmittag besuchten wir noch ein paar weitere nette Orte entlang der etwas belebteren Süd- und Westküste der Insel. Hervorzuheben waren hierbei der Hirauchi-Kaichu-Onsen (Onsen = Heiße Quelle), dessen Außenbecken zwischen Felsen direkt am Wasser liegen und nur bei Ebbe bzw. kurz vorher zugänglich sind, sowie eine sorgfältig angelegte Grünteeplantage. 
Grünteeplantage
Meer und Regenwaldberge
Entlang der Straße taten sich ständig atemberaubende Blicke auf die hohen Regenwaldberge im Inselinneren auf, in das wir uns am nächsten Tag im Zuge einer mehrstündigen Wanderung wagen wollten. Wieder in Miyanoura angekommen, schloss sich der Kreis unserer Umrundung und Steve brachte uns wieder zu unserer Unterkunft, wo uns Shigerun und Hitomi erneut freudig empfingen. Mangels Alternativen und weil wir doch schon wieder Hunger hatten, beschlossen wir, ein nicht in den Preis inbegriffenes Abendessen in der Unterkunft einzunehmen. Aber wir sollten es nicht bereuen, denn Hitomi zauberte uns ein köstliches Festessen aus unterschiedlichsten kalten und warmen Speisen. Da ihr Englisch für japanische Verhältnisse recht gut war, unterhielten wir uns während und nach dem Abendessen angeregt mit ihnen und bekamen so mitunter das Gefühl, privat bei Freunden eingeladen, anstatt Gäste in einem Hotel zu sein. 
Abendessen bei Shigerun und Hitomi
Nach mehreren Bieren und einem Gläschen Sake wankten wir müde in unser Zimmer und widmeten uns auf unseren Futon-Betten dem Schlafe, um morgen wieder fit für unsere angedachte Wanderung zu sein.
Am nächsten Morgen war leider das auf Yakushima gängige Regenwetter zurückgekehrt. Weiter nicht schlimm, dachten wir uns, hatten wir doch die passende Regenausrüstung dabei. Zuerst hieß es aber erstmal ab zum Frühstück, das wie das Abendessen am Tag zuvor eine Gaumenfreude war. Die Freude wurde jedoch ein wenig getrübt, als uns Shigeru nach dem Essen mitteilte, dass ein Großteil der von uns geplanten Wanderwege aufgrund zu hoher Wasserstände in den Flüssen gesperrt waren, weil man diese nicht mehr überqueren konnte. Offen war nur noch der erste Teil, ein einstündiger Rundweg durch den gebirgigen Regenwald. Da wir es ohnehin hinnehmen mussten, begaben wir uns trotzdem zum Bus beim ca. 15 Gehminuten entfernten Hafen von Miyanoura, um zumindest ein bisschen in das Inselinnere, für das Yakushima ja besonders bekannt ist, hineinzuschnuppern. Denn auf den felsigen Bergen des Eilandes wachsen in den moosgrünen Wäldern die weltbekannten Yakusugi – uralte Sicheltannen. Nach etwa 30 Minuten Fahrt entlang einer waghalsigen Bergstraße erreichten wir den Ausgangspunkt unserer Kurzwanderung. Da der nächste Bus erst in ein paar Stunden wieder nach Miyanoura abfahren würde, ließen wir uns bewusst mehr Zeit, auch wenn der immer stärker werdende, teilweise monsunartige Regen gepaart mit den brausenden Windböen für ein besonders intensives Regenwalderlebnis sorgten. Anstatt uns also über das Wetter und die damit einhergehenden Wegsperren zu ärgern, genossen wir das wilde Treiben der Natur, dank der diese einzigartige Landschaft überhaupt erst entstehen konnte. 

Regenwaldwanderung
Yakusugi
Martin, Philipp und Gianni
Trotz bewusst langsam gewählter Schritte kamen wir doch etwas zu früh wieder beim Parkplatz an, wo wir noch eine gute Stunde auf den nächsten Bus warten mussten. Als wir dann wieder Richtung Tal unterwegs waren, kam natürlich wieder die Sonne raus … Aber wir hatten uns ja zum Glück schon darauf geeinigt, uns nicht darüber zu ärgern …
Den restlichen Nachmittag verbrachten wir in der Unterkunft schlafend und uns aufwärmend, ehe wir am frühen Abend bei inzwischen wieder Schönwetter einen kurzen Spaziergang zum Hafen einlegten. Danach ließen wir uns wieder von Hitomi bekochen und kosteten neben neuen Bieren auch ein Gläschen des renommierten Hibiki-Whiskeys, der das kulinarische Gesamterlebnis gelungen abrundete. So schnell wie unsere zwei Tage auf Yakushima begonnen hatten, waren sie auch schon wieder vorüber. Trotz des kleinen Wermutstropfens der verkürzten Wanderung waren wir äußerst froh, den Kurzausflug in diese kleine Oase abseits der Menschenmassen gemacht zu haben. In den nächsten zwei Wochen warten nun mehrere Millionenstädte auf uns, ehe wir vielleicht in den japanischen Alpen wieder etwas Abgeschiedenheit finden. Doch alles nach der Reihe, morgen geht es erstmal wieder mit der Fähre zurück nach Kagoshima und dann weiter in die größte Stadt Kyushus: Fukuoka.

Ausgewählte Kuriositäten:
  • Im Ersten Weltkrieg haben einige Kamikaze-Piloten ihre Flugzeuge vor der Küste von Yakushima zum Abstürzen gebracht, in der Hoffnung, zu überleben und auf der Insel Unterschlupf zu finden. Obwohl viele bei diesem Versuch gestorben sind, gab es auch einige, die ihrem Schicksal so entgehen konnten.
  • Und wo wir gerade beim Ersten Weltkrieg sind: Mitten Im Krieg hat ein amerikanischer Kampfpilot einen Felsen vor der Küste von Yakushima bombardiert. Die Einheimischen haben sich jahrzehntelang gewundert, was es mit diesem Manöver auf sich hatte. Dieses Rätsel wurde mit der Veröffentlichung der Flugaufzeichnungen des besagten Piloten gelüftet – er hielt den Felsen für ein feindliches U-Boot …
  • Auf Yakushima war es lange Zeit üblich, einmal im Leben um die ganze Insel zu pilgern. Dieses Ritual hatte einen einfachen Hintergrund: Die Familienväter wollten so in anderen Dörfern geeignete Partner für ihre Kinder finden.
  • Auf Yakushima gibt es Schätzungen zufolge in etwa gleich viele Affen, Rehe und Menschen, nämlich ungefähr jeweils 12.000.
  • Im Jahr 1708 landete der erste Europäer auf Yakushima: Giovanni Battista Sidotti. Sodotti war ein italienischer Missionar, der sich auf eigene Faust auf den Weg gemacht hatte, um das Christentum in fremden Ländern zu verbreiten. Dafür wurde er später auf Yakushima festgenommen und nach Edo (das heutige Tokio) gebracht, wo er schließlich in einer Zelle starb. Noch heute gibt es auf Yakushima (und vielen anderen Inseln Japans) eine christliche Gemeinde.

Mittwoch, 6. März 2019

Tokio Tag 3 & Tokio - Kagoshima

Für unseren zweiten ganzen Tag in Tokio hatten wir uns etwas weniger vorgenommen. Das war einerseits dem schlechten Wetter geschuldet, andererseits saß uns noch der doch recht anstrengende Vortag in den Knochen. Nichtsdestotrotz starteten wir sehr zeitig am Morgen und kämpften uns durch mehr oder weniger starken Regen und Windböen zur Tokyo Station, einem der größten Bahnhöfe der Stadt, wo wir unseren bereits im Vorhinein gekauften Railpass (Fahrkarte für den Großteil der Züge im ganzen Land) sowie Sitzplatzreservierungen für unsere erste Shinkansen-Fahrt von Tokio nach Kagoshima besorgten. Nachdem wir das Organisatorische hinter uns gebracht hatten (was in Japan zum Glück wie am Schnürchen zu laufen scheint), setzten wir unseren Weg zu unserem eigentlichen Ziel, dem Stadtviertel Akihabara fort. „Akiba“ (so nennen es die Einheimischen) ist das Zentrum der Otaku-Subkultur (leidenschaftliche Fans). Man muss aber nicht selbst verrückt nach Mangas oder Anime sein, um dieses schräge Viertel zu genießen.
Akihabara
 Es ist zu gleichen Teilen Reizüberflutung und kulturelle Denksportaufgabe. In Akiba findet man detailliert gearbeitete Plastikmodelle, pornografische Comics und Cosplay-Outfits, sprich Verkleidungen basierend auf Figuren aus Mangas und Animefilmen, sowie allerlei Elektrokram von der Sicherung bis zu irgendwelchen Kabeln. Das alle Vorurteile über Japan erfüllende Viertel zauberte uns ein ständiges Grinsen aufs Gesicht und ließ uns auch ein wenig das durchaus grausame Wetter vergessen. Bevor wir uns wieder dem Sushi widmeten, bummelten wir noch ein wenig durch einen überdimensionalen mehrstöckigen Elektroladen, gegen den ein Media Markt, wie wir ihn zu Hause kennen, fast schon lächerlich winzig wirkt.
Elektroladen in Akihabara
Nach dem Essen wagten wir uns noch in eines der zahlreichen Maid-Cafés der Gegend. Das sind mehr oder weniger Cosplay-Cafés, in denen die weibliche Belegschaft wie Maids (Dienstmädchen) gekleidet ist und aus jeder Bestellung und jedem Handgriff eine Zeremonie gemacht wird. So muss man seine Speisen und Getränke etwa mit Zaubersprüchen belegen, um sie noch besser zu machen, und darf die Maids nur mit „Miau, miau“ rufen. Obendrein muss man während all dem Hasen- oder andere Plüschohren tragen. Fremd- und Eigenschämen war demnach angesagt. Im Grunde ist das Ganze eher ein „Spaß“ für Touristen, den man vielleicht gesehen haben muss oder vielleicht auch nicht … Das bestellte Eisparfait schmeckte jedenfals gar nicht mal so schlecht.
Um eine, wenn auch entbehrliche, Erfahrung reicher begaben wir uns zur U-Bahn, mit der wir auch schon recht durchnässt zu unserem Hotel zurückkehrten. Nach ein paar Stündchen notwendiger Ruhe kontaktierte uns unser Freund und Arbeitskollege Marco, der zufälligerweise auch für zwei Wochen mit seiner Freundin Jenny in Japan unterwegs ist. Wir hatten uns zwar ein paar Tage zuvor in unserem Büro in Graz gesehen, dennoch ließen wir uns den Spaß nicht nehmen, uns auch in Tokio kurz zu treffen. So vereinbarten wir kurzerhand ein Treffen beim örtlichen Hard Rock Cafe im Ausgehviertel Roppongi, um im Zuge dessen auch meine Sammlung an Hard Rock T-Shirts zu erweitern. Bei mehreren Bieren tauschten wir erste Reiseerfahrungen und -erlebnisse aus und unterhielten uns noch über unsere jeweiligen weiteren Reisepläne.
Marco, Philipp, Martin, Gianni
Danach führte uns unser Weg nur noch durch den immer noch herabprasselnden Regen ins Hotel, wo wir erneut müde ins Bett fielen.
Am nächsten Tag hieß es, wie bisher immer auf dieser Reise, früh den Federn zu entsteigen, um unseren Shinkansen in das ca. 1.400 km entfernte Kagoshima (mit Umstieg in Kobe) auf der Insel Kyushu zu erwischen. Alles lief problemlos und so saßen wir auf die Sekunde pünktlich um 8:10 Uhr im Shinkansen, der uns mit durchschnittlich 170 km/h im Verlauf einer siebenstündigen Fahrt sicher und komfortabel nach Kagoshima brachte. Wie eigentlich überall in Japan fühlt man sich auch im Shinkansen behandelt wie ein König, dem jeder Wunsch von den Lippen gelesen und mit zahlreichen Verbeugungen erfüllt wird.
Tokio - Kagoshima
Shinkansen
Wir erreichten Kagoshima nach einer mehr oder weniger ereignislosen und verregnet Fahrt, wurden jedoch von warmem, abendlichem Sonnenschein in Empfang genommen. Die Hauptstadt der gleichnamigen südlichsten Präfektur wurde zu Japans freundlichster Stadt gewählt, und das, obwohl sie im Schatten des auf der anderen Seite der Bucht gelegenen hochaktiven Vulkans Sakurajima liegt. Mit der Straßenbahn ging es zu unserer recht einfachen Unterkunft direkt am Hafen, wo morgen auch unsere Fähre zur Insel Yakushima ablegen wird. In der Unterkunft angekommen, suchten wir vergebens nach Betten, bis uns einfiel, dass wir in dieser Unterkunft nur Futonbetten – also mehr oder weniger ein Matratzenlager – gebucht hatten, die sich im Nachhinein jedoch als gar nicht so ungemütlich herausstellen sollten.
Da uns noch die eine oder andere Stunde Licht blieb, beschlossen wir spontan, uns dem eindrucksvollen Sakurajima, auf den wir auch von der Terrasse unserer Unterkunft einen großartigen Blick hatten, etwas zu nähern. Da er gerade nur verhalten ein paar Dampfwölkchen ausspie, hatten wir auch keine weiteren Bedenken. So begaben wir uns mit der Fähre auf die etwa 15-minütige Überquerung der Bucht. Auf der Überfahrt taten sich fantastische Blicke auf den Sakurajima auf.
Vulkan Sakurajima
Auf der Halbinsel angekommen, auf der der Vulkan thront, stellten wir aber schnell fest, dass es hier nicht viel zu tun gibt. Es fährt hier zwar ein Bus auf halbe Höhe des Sakurajima, jedoch hatten wir die letzte Fahrt schon verpasst. Außerdem hatte man von der Fähre eine bessere Sicht auf den Vulkan als vom Hafen. So vertrieben wir uns die Zeit bis zur nächsten Fähre mit einem Kurzbesuch bei einem kleinen Schrein direkt neben dem Hafen.
Schrein am Fuße des Vulkans Sakurajima
Dennoch zufrieden und bei hübscher Sonnenuntergangsstimmung fuhren wir wieder zurück zum Hafen von Kagoshima, wo wir direkt in ein zuvor ausgewähltes Running-Sushi-Lokal köpfelten. Nach diesem abermals hervorragenden Sushi-Erlebnis zogen wir uns in unsere Unterkunft zurück und machten es uns in Vorfreude auf den bevorstehenden Tag in unserem Matratzenlager gemütlich.
Sonnenuntergangsstimmung

Matratzenlager in der Unterkunft

Ausgewählte Kuriositäten:
  • In Japan gibt es ungefähr 240 Vulkane, davon sind 110 aktiv (nach der Definition der Japan Meteorological Agency gilt ein Vulkan als aktiv, wenn er in den letzten 10.000 Jahren mindestens ein Mal ausgebrochen ist).
  • Japan besitzt damit rund 10% aller aktiven Vulkane der Welt.
  • Viele Ortsnamen in Japan lassen sich schnell entschlüsseln und geben oft sogar Auskunft über die geographische Lage: Es gibt ein Kanji-Zeichen für jima/shima, das so viel bedeutet wie Insel. Die Kanji-Zeichen in Kagoshima lassen sich somit frei zu "Reh-Kind-Insel" übersetzen; die von Sakurajima zu "Kirschblüten-Insel". 

Tokio Tag 1 (Kamakura) & Tokio Tag 2 (Nikko) & Tokio Tag 3

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